Predigt zum Sonntag vor Weihnachten, dem Sonntag der Väter (Mt 1,1-25), 04.01.2026
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Liebe Brüder und Schwestern,
wir stehen nun kurz vor dem Hochfest der Geburt Christi, oder auch als Weihnachten bezeichnet. Letztere Bezeichnung stammt aus dem mittelhochdeutschen und bedeutet geweihte Nacht. Nur noch wenige Tage trennen uns davon und die Adventszeit, die uns vierzig Tage lang mit einem Fasten auf dieses große Ereignis vorbereitet endet nun bald.
Das heutige Evangelium besteht aus zwei Teilen. Am Anfang hörten wir das Geschlechtsregister Jesu. Im zweiten Teil wurde von den Umständen der Geburt Jesu berichtet.
Der Sonntag vor diesem Fest wird als der Sonntag der Väter bezeichnet, also der irdischen Vorfahren von Jesus Christus. Das ist auch der Grund, dass die Ahnenabfolge, mit der das Matthäusevangelium beginnt, heute den ersten Teil der Lesung einnimmt.
Nun könnte man sich fragen, gibt es denn nichts Alternatives, was uns an dieser Stelle vorgetragen werden könnte, als die minutenlange Aufzählung von Namen, die uns wenig oder gar überhaupt nichts sagen? Warum tun wir uns das an?
Das tun wir, um zu verstehen, dass Gott wirklich Mensch wurde und dass Jesus Christus sowohl eine göttliche Natur hat, als auch eine menschliche. Denn darüber wurde übrigens schon lange vor unserer Zeit gestritten.
Wir feierten im letzten Jahr 2025 ein besonderes Jubiläum: vor 1700 Jahren fand das erste ökumenische Konzil zu Nicäa statt. Und dessen zentrale theologische Fragestellung war genau die nach der Natur des Gottmenschen Jesus Christus.
Im Glaubensbekenntnis, dessen erster Teil auf diesem Konzil formuliert worden ist, heißt es dazu:
„Ich glaube […] an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes einziggezeugten Sohn, den aus dem Vater Gezeugten vor aller Zeit, Licht vom Lichte, wahren Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, den dem Vater Wesenseinen, durch den alles geworden ist, den für uns Menschen und zu unserer Errettung von den Himmeln Herabgestiegenen und Fleischgewordenen aus dem Heiligen Geist und der Jungfrau Maria und Menschgewordenen, …“
Christus vereinigte ungetrennt und unvermischt zwei Naturen in sich: die menschliche und die göttliche und ist gleichzeitig eines Wesens mit dem Vater. Dies wurde auf diesem Konzil erkannt und festgelegt, spätere Konzilien bestätigten das.
Zur Darstellung der menschlichen Natur hörten wir heute dieses Geschlechtsregister. Faktisch ist es eine sehr komprimierte Zusammenfassung des Alten Testamentes.
Wenn wir es genauer analysieren, dann stellen wir fest, dass dieses Register und auch der Geburtsbericht neben der heutigen Stelle im Matthäusevangelium auch im Evangelium nach Lukas enthalten sind.
Doch es gibt da Unterschiede: zum ersten geht Matthäus chronologisch vor und beginnt bei Abraham, während Lukas das Register von Jesus beginnend bis zum Anfang, zum Stammvater aller Menschen Adam führt. Zum zweiten gibt es zwischen beiden Evangelien kleinere Unterschiede in den Stammlinien, die auf unterschiedliche Schwerpunktsetzungen in der Darstellung durch die beiden Evangelisten begründet werden können.
Was aber auch auffällt, ist, dass es durchaus einige bemerkenswerte Personen gibt, die sozusagen ein wenig aus der Reihe fallen. Es sind nämlich auch Personen dabei, die den Stammbaum unter Fehltritten oder anderen Sündenfällen weiterführten. Es wird also keine Schönschreiberei durch den Evangelisten betrieben, sondern sie stellen dar, dass diese alle die irdischen Vorfahren Christi waren, dass Gott alle in diesem Stammbaum einschließt.
Der Stammbaum endet mit Joseph, der im schon fortgeschrittenen Alter Verlobter der Gottesgebärerin Maria wurde. Mit ihm und den Gedanken, die er hegte, als er von Marias Schwangerschaft erfuhr, beginnt der zweite Teil unserer heutigen Lesung, in dem wir dann auch von der göttlichen Natur Jesu Christ hörten.
Diesen zweiten Teil werden wir auch in Kürze, am Hochfest der Geburt Christi 1:1 noch einmal im Gottesdienst lesen.
Joseph hätte, nachdem für ihn klar war, dass das Kind, das Maria in sich trug, nicht von ihm stammen kann, sofort sie aus dem Bund entlassen können. Eine Verlobung war zu der Zeit quasi schon so etwas, was heute eine Trauung darstellt, sie war also schon eine sehr bedeutsame Bindung und eine Frau aus dieser wegen eines außerehelichen Kindes zu entlassen, wäre nichts Außergewöhnliches, sondern im Gegenteil „normal“ gewesen.
Doch hier greift Gott in das Geschehen ein und schickt Joseph einen Engel, der ihm im Traum über die Sache aufklärt.
Der Engel tut Joseph kund, dass das Kind vom heiligen Geist gezeugt worden ist – erinnern wir uns an das Glaubensbekenntnis, in dem wir genau dieses bekunden.
Im Weiteren erläutert der Engel, dass es im Alten Testament viele Prophezeiungen diesbezüglich gab, die nun erfüllt werden.
Joseph glaubte der Aussage des Engels und er berücksichtigte dann auch, was ihm der Engel weiter auftrug: dass dieser Sohn den Namen Jesus – was „der Erretter oder der Heiland“ bedeutet – tragen sollte.
Joseph glaubte nicht nur dem Engel, sondern führte auch alles aus, was er ihm auftrug.
Joseph tat also das eigentlich Unerwartete: Er ließ Maria bei sich, beschützte und begleitete sie in Treue und als das Kind geboren war, gab er ihm den Namen Jesus.
Wir sehen also an dieser heutigen Lesung, dass die Wege der Menschen zu Gott nicht immer geradlinig verlaufen, wie wir es dem Stammbaum entnahmen. Doch Gott hielt es für würdig, dass all diese Ahnen in dem Evangelium erscheinen und von uns gewürdigt werden. Diese Herangehensweise sollten wir auch auf unsere eigenen Vorfahren übertragen, getreu dem Gebot „ehre deinen Vater und deine Mutter“. Sie sind es, die für uns sorgten, die uns es ermöglichten, dieses Leben zu gestalten.
Wir sehen aber auch in der Geschichte von der Geburt Jesu, dass selbst, wenn etwas manchmal den äußeren Anschein haben sollte, dass etwas Verwerfliches, etwas Unerhörtes geschehen ist, wir nicht sofort die Keule der Verurteilung oder der Vorverurteilung herausholen. Die Besonnenheit Josephs, die Bereitschaft, die eigenen Zweifel zurückzustellen, sich eines Besseren belehren zu lassen und dann schließlich mit ganzer Kraft den anderen oder die andere zu unterstützen, das ist es, was uns Vorbild ist und dem wir nacheifern sollten.
Amen.