Predigt zum 31. Herrentag nach Pfingsten / HT nach Christi Geburt / Gedenktag des Königs und Propheten David, Josephs des Bräutigams und des Herrenbruders Jakobus, des ersten Bischofs von Jerusalem (Gal. 1:11-19; Mt. 2:13-23) (11.01.2026)
Details Eintrag
Liebe Brüder und Schwestern,
mit der Geburt Christi begann eine neue Ära der Menschheitsgeschichte – noch nicht im kulturhistorischen Sinne, denn gesellschaftspolitisch änderte sich zunächst gar nichts in der nicht nur für die Juden harten Realität der Römischen Welt. Aber Gott war im Fleisch erschienen (s. Joh. 1:14; 6:51; 1 Joh. 4:2-3; 1 Tim. 3:16). Ein Indiz dafür, dass dieses Geheimnis des Glaubens keine Erfindung von Menschen sein kann, ergibt sich aus der Tatsache, dass das Mysterium der Fleischwerdung der Vorstellung der damaligen griechisch-römischen Gedankenwelt völlig entgegenlief. Die griechische Philosophie mit ihren mannigfaltigen Strömungen war sich nämlich in einem Punkt einig: der Inferiorität des Leibes gegenüber der Seele. Die Metaphysik, welche auf der Unsterblichkeit der Seelen beruhte, befasste sich mit Fragen der Transzendenz, der unsichtbaren, empirisch nicht fassbaren Welt. Materie galt daher als etwas Untergeordnetes, ja Unreines. Und nun soll Gott, Der, im absoluten Sinne, allein Geist ist (s. Joh. 4;14), im Fleisch erschienen sein? Wurde Gott demnach Teil der materiellen (und räumlichen, zeitlichen) Welt, um die zum niederen fleischlichen Dasein verdammte Menschheit durch die leibhaftige Auferstehung zu retten!?.. Für die „Weisen“, die „Schriftgelehrten“ und die „Wortführer in dieser Welt“ (s. 1 Kor. 1:20a) war dies unannehmbar (vgl. Apg. 17:16-34). Jedoch: Hätte jemand das Christentum „erfinden“ wollen, hätte er doch wohl ganz andere, den Vorstellungen des damaligen Zeitgeistes entsprechende Register ziehen müssen. Es hätten sich gewiss solche Verführer gefunden, deren Lehre „Überredung durch gewandte und kluge Worte“, und nicht, wie im Christentum, „mit dem Erweis von Geist und Kraft verbunden war, damit sich der Glaube nicht auf Menschenweisheit stützte, sondern auf die Kraft Gottes“ (1 Kor. 2:4-5). Der bedeutendste Glaubensbote Christi war nach eigenem Bekunden „im Reden ein Stümper (...), aber nicht in der Erkenntnis“ (s. 1 Kor. 11:6), wodurch Gott „die Weisheit der Welt als Torheit entlarvt“ hat (1 Kor. 1:20b) – nicht verwunderlich, nachdem Gott zuvor in Jesus Christus Seine Wahrheit „den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart“ hatte (Mt. 11:25; Lk. 10:21). Viele solcher „Unmündiger“, etwa 14.000 an der Zahl, wurden zu ersten Blutzeugen Christi (s. Mt. 2:16-18). Als Christus geboren wurde, starben viele unschuldige Kinder für Ihn, doch als Er leiblich gestorben war, erstanden viele Heilige aus ihren Gräbern (s. Mt. 27:52-53).
Gott wurde aber nicht nur im Fleisch offenbart, sondern Er erschien auch in der zeitlichen Dimension auf Erden. Der heutige Tag ist gewissermaßen die Ergänzung der beiden letzten Herrentage vor Christi Geburt. Sowohl die geistlichen Vorläufer Christi (Herrentag der Vorväter) als auch die direkten Ahnen des Heilands (Herrentag der Väter) bildeten eine Einheit, wobei die Person Davids – ausgehend vom maßgeblichen Moment der Geburt Christi – für die Vergangenheit, Joseph für die Gegenwart, und Jakobus für die Zukunft stehen. Der Verwandtschaftsgrad dieser Drei zum Herrn ist im Neuen Testament dokumentiert (s. David: Lk. 1:32; Röm. 1:3; Offb. 22:16 u.v.m.; Joseph: Lk. 2:48; Jakobus: Gal. 1:19). Doch zu welchem Zwecke feiern wir heute ihr gemeinsames Gedächtnis? Haben wir der Vorläufer und Vorfahren Christi nicht schon zur Genüge in den beiden Herrentagen vor Weihnachten gedacht? Und jetzt also noch am Herrentag nach Weihnachten?!.. Welchen Sinn ergibt das?
Folgenden: Wir erkennen einen klaren Zusammenhang zwischen dem in Bethlehem geborenen König David, welchem von Gott durch den Propheten Nathan verheißen wurde, dass sein Haus und sein Königtum sowie sein Thron auf ewig Bestand haben werden (s. 2 Kön. / 2 Sam. 7:16), Joseph, der als letztes Glied der Ahnenkette als „Mann Marias“ (Mt. 1:16) der gesetzliche Vater Jesu war, sowie Jakobus, der als erster Bischof der Urgemeinde zu Jerusalem symbolhaft das Oberhaupt der Kirche abbildete. Jakobus steht zudem stellvertretend für die „Thronerben“ des Hauses David im Königtum des Messias. David war Urbild des Messias im Alten Testament, während Jakobus die Projektion des Königtums des Messias im Neuen Testament ist. Joseph aber war das Bindeglied zwischen dem Alten und dem Neuen Bund.
Aus dem Gesagten geht eindeutig hervor, dass im Neuen Bund ausschließlich die geistliche Abstammung relevant ist (s. Mt. 3:9; Lk. 3:8), wodurch wir Nachkommen Abrahams und Davids – und damit Christi – sind, insofern, wie sich unser Glaube nicht auf Menschenweisheit stützt, sondern auf die Kraft Gottes (s. o. 1 Kor. 2:5). Garant für die Reinheit und Authentizität des Glaubens ist die Kirche Christi (s. 1 Tim. 3:15), die in der Prophezeiung an David archetypisch als dessen „Königtum“ bezeichnet wurde. Denn „die Orthodoxie hat das Geheimnis des Heils immer in seiner ganzen Fülle gelebt. Wir besitzen immer noch das Christentum, wie es die Heiligen Väter des 2.-5. Jahrhunderts hatten. Alle katholischen, anglikanischen und protestantischen Theologen erkennen dies an, einige von ihnen machen es sogar zu einer Schuld unserer Kirche, indem sie sie für verfälscht, versteinert in Ideen und Formen, Gewändern erklären, als eine, die die christliche Wahrheit nicht entsprechend den Bedürfnissen eines jeden Menschen entwickelt hat. Folglich hat die orthodoxe Kirche die von oben herabgestiegene Wahrheit nicht verdorben, hat den himmlischen Wein nicht mit dem Wasser menschlicher Ratschläge verdünnt, hat sich nicht daran gemacht, Gottes höchstes Handeln zu vereiteln, die Welt zur Wahrheit zurückzuführen“ (Hl. Dumitru Staniloe, +1993). Amen.