Predigt zum Beginn des Neuen Jahres (01.01.2026)
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Liebe Brüder und Schwestern,
für Christen gebührt es sich, vor Beginn eines jeglichen Werkes Gott um Seinen himmlischen Beistand anzurufen – auch und vor allem, wenn wir ein neues Jahr beginnen. Wir beten also am Ende des alten bzw. zu Beginn des neuen Jahres darum, dass dieses „ein Gnadenjahr des Herrn“ (Lk. 4:19; vgl. Jes. 61:2) sein möge. Dieser urchristliche Brauch hat vor allem eine nicht zu unterschätzende pädagogische Bedeutung für uns. Von klein auf lernen wir, dass wir nichts ohne den Segen des Herrn tun sollen. Im familiären oder geistlichen Leben geschieht dies zumeist durch die Vermittlung der Eltern bzw. des geistlichen Vaters, aber ganz grundsätzlich geht es darum, dass wir bestrebt sein müssen, in allem den göttlichen Willen zu erfüllen (s. Mt. 6:10). Auch die tägliche oder zumindest regelmäßige Lektüre der Heiligen Schrift dient uns als Wegweiser in das Königtum der Himmel – das große Ziel, das nun mal durch dieses irdische Jammertal führt.
Jedes Werk, das nicht im Namen Gottes begonnen wird, entbehrt demzufolge von Anfang an des Segens des Herrn, so dass es, auch wenn es anfänglich erfolgreich anzulaufen scheint, am Ende nicht die gnadenvollen Früchte zeitigen wird, die letztlich für unser leibliches Wohl und für unser seelisches Heil ausschlaggebend sind.
Im Gebet der Neujahrsandacht wird der allweisen und allgütigen Vorsehung Gottes gehuldigt, Der „Zeiten und Fristen … in Seiner Macht festgesetzt hat“ (Apg. 1:7). Abschließend wir das „Te Deum“ angestimmt, das der heilige Ambrosius der Überlieferung nach anlässlich der Taufe des heiligen Augustinus zu Ostern 387 in Mailand verfasst hat. Im Grunde verinnerlichen wir vor Beginn eines neuen Zeitabschnittes die vom Heiligen Geist eingegebenen Worte des Psalmisten: „In Deinen Händen ist mein Los (oder auch meine Zeit)“ (Ps. 30:16). Alles ist in Gottes Hand. Gott allein weiß im Voraus, was uns dieses Jahr bringen wird, ob wir endlich Frieden in der Wiege der russischen Orthodoxie und auf dem ganzen europäischen Kontinent haben werden, ob sich allgemein die Lage außenpolitisch, innenpolitisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich wenigstens etwas entspannen wird, ob uns persönlich Frieden, Gesundheit, Glück und Zufriedenheit beschieden sein werden usw. Das alles hängt nicht von uns ab. Oder etwa doch?!.. Natürlich kann ein jeder von uns den Lauf der Geschichte nicht aufhalten, denn dazu entbehren wir der entsprechenden Einflussmöglichkeiten, wobei ja selbst die sog. Mächtigen dieser Welt nur Schachfiguren in dem großen „Spiel“ sind, das von sehr vielen, unserem Wissen nicht zugänglichen Faktoren bestimmt wird. Was wir aber wissen ist, dass unserem Herrn Jesus Christus „alle Macht im Himmel und auf der Erde“ (Mt. 28:18) gegeben ist. Und zu Ihm beten wir.
Es wird wohl ohne jeden Zweifel glückliche Augenblicke geben, aber auch Prüfungen und schwierige Zeiten für uns alle, die aber dennoch zuvörderst eine Quelle der Gnadengaben Gottes sein können, wenn wir sie nur akzeptieren. Wir sind also nicht bloß Statisten, sondern Teilhaber an Gottes Herrlichkeit, die nicht anders zu erreichen ist als in der Nachfolge des Kreuzwegs Christi. Und wirklich jeder kann von sich aus etwas tun, um Gottes Gunst seinem persönlichen Schicksal und dem seines persönlichen Umfeldes hinneigen zu lassen: Kinder erweisen z.B. ihren Eltern steten Gehorsam und Respekt, Eheleute sich gegenseitig Liebe und Treue, der eine schränkt seinen Alkohol- oder Nikotinkonsum stark ein, ein anderer mäßigt sich in Bezug auf Smartphone oder Net-Flix bzw. stellt sonstige Gott nicht gefälligen und unseren Mitmenschen verstörenden Gewohnheiten gänzlich ein usw. Und wir alle können schließlich lernen, die Nahen und Fernen wie Brüder und Schwestern anzusehen – schon sieht die Welt ganz anders für uns aus! Damit werden wir keine globalen Veränderungen herbeiführen, aber ganz sicher unsere „kleine Welt“, unseren Mikrokosmos verbessern, wie es der heilige Seraphim von Sarow vor zweihundert Jahren sinngemäß gesagt hat. Vor allem können wir alle durch das Verrichten des von uns Abhängigen dazu beitragen, dass Gott Sich dieser armen Menschheit noch ein weiteres Mal erbarmt, damit letztlich wir alle am Ende vom Gnadenjahr des Herrn 2026 profitieren können. Amen.