Predigt zum Fest der Apostelkoryphäen Petrus und Paulus (2 Kor. 11:21-12:9; Mt. 16:13-19) (12.07.2025)
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Liebe Brüder und Schwestern,
die Kirche beschloss in frühester Zeit, das Fest der beiden größten Apostel gemeinsam an einem Tag zu begehen, um dadurch allen möglichen Spekulationen über die Rangordnung der zwei obersten Glaubensverkünder untereinander den Wind aus den Segeln zu nehmen (s. u.a. 1 Kor. 1:12-13; 3:4-9). Fest steht, dass der spät berufene Apostel Paulus sich der Gnade Gottes gemäß am meisten bei der Verkündigung des Evangeliums abgemüht hat, auch wenn er sich selbst als den geringsten unter den Aposteln und dieser Ehre als völlig unwürdig bezeichnet (s. 1 Kor. 15:9-10). Ebenso gesichert ist die Erkenntnis, dass der Apostel Petrus im Moment der Gründung der Kirche am Pfingsttag hierarchischer Vorsteher der Kirche war, die zur Stunde Null, zum Zeitpunkt der Ausgießung des Heiligen Geistes, aus der Jerusalemer Urgemeinde allein bestand. Später hatte jede Gemeinde ihr sichtbares Oberhaupt wie die Urzelle von Jerusalem, welche weiter als die Mutterkirche betrachtet wurde und auch immer noch wird. Schon im Nachgang an das Pfingstereignis, als sich das Wort Gottes zunächst unter den Juden, später unter den Samaritern und dann unter den Heiden ausbreitete, gab es keinen sichtbaren Oberhirten über die gesamte Kirche. Dies war damit verbunden, dass jede neugegründete Ortsgemeinde mit einem Bischof an der Spitze voll umfänglich als die Kirche Christi angesehen wurde. Nach den Worten von Protopresbyter Nikolai Afanassiev (+1966) war die Struktur der Kirche in ihrer Entstehungszeit von einer eucharistischen Ekklesiologie gekennzeichnet, d.h. da, wo die Feier des Mysteriums des Leibes und des Blutes Christi mit einem Bischof als obersten Zelebranten stattfand, war die gesamte Kirche Christi. Alle diese Ortskirchen waren der Gnade und dem Wesen nach gleich. Größere Ehre gebührte freilich den älteren Kirchen im Vergleich zu den jüngeren. Die größte Autorität genoss ganz am Anfang selbstverständlich die Kirche zu Jerusalem, die bis zur Zerstörung der Stadt im Jahr 70 n. Chr. unbestritten geistliches Zentrum der Kirche war. Doch auch der Gemeinde in Jerusalem kam keine hervorgehobene Vormachtstellung über die übrigen Gemeinden zuteil. Eine etwaige administrative gesamtkirchliche Grundordnung konnte es in Judäa und den umliegenden römischen Provinzen nicht geben, weil die Kirche hier noch keinen vom Staat anerkannten Status besaß, was daran erkennbar war, dass der vielerlei Drangsal ausgesetzte Apostel Paulus von seinem Staatsbürgerrecht Gebrauch, indem er vor das Gericht des Kaisers zieht. Er appelliert nicht als Kirchenvertreter, sondern als Privatmann an den Kaiser (s. Apg. 25;10-12). Ein kanonisches Recht bzw. eine juridisch zementierte Hierarchie der Ortskirchen kam bekanntlich erst in der Epoche der Ökumenischen Konzilien zustande.
Wie dem auch sei, waren die beiden Koryphäen Petrus und Paulus Apostel. Deren Aufgabe bestand darin, weltweit den Glauben an die Auferstehung Jesu Christi zu verkünden – Petrus den Juden, also den „Beschnittenen“, Paulus den Heiden, d.h. den „Unbeschnittenen“, weil Gott es so gefügt hatte und Konsens in der Kirche darüber bestand (s. Gal. 2:7-8). Dort setzten sie Bischöfe ein, die ihrerseits in den Ortsgemeinden blieben und dort der eucharistischen Versammlung vorstanden. Diese Bischöfe übten kraft ihrer geistlichen Gnadengaben als Nachfolger der Aposteln und dank ihres persönlichen Beispiels Autorität an Ort und Stelle aus (s. Apg. 20:28).
Die Apostel waren also Verkünder des Glaubens. Ihre Bedeutung für uns heute ist – wie die aller Glaubensboten zu unterschiedlichen Epochen und an den verschiedensten Orten – unermesslich. Darin zeigt sich ihr Vorbild für uns heute, denn jeder von uns soll den Gläubigen, aber auch den noch nicht Gläubigen, ein Vorbild sein – in Worten, durch den eigenen Lebenswandel, in der Liebe, im Glauben, in der Lauterkeit (s. 1 Tim. 4:12). Die ersten „Aposteln“ eines neugeborenen Christen sind in der Regel seine Eltern, im Normalfall vor allem die Mutter (s. 1 Tim. 2:15). Aber was ist heute schon normal?. Denn was ist das für ein Glaube, der nicht mit Taten einhergeht? Wir alle kennen das Bibelwort, dass „der Glaube für sich allein tot ist, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat“ (Jak. 2:17). Wenn wir unsere kleinen Kinder in die Kirche bringen und sie am Gottesdienst teilnehmen, ist das gut. Aber allzu oft sehen wir, dass der Glaube trotz günstigster äußerer Rahmenbedingungen (wir genießen immer noch Glaubensfreiheit) und idealer innerer Voraussetzungen (gläubige Eltern, vom Glauben geprägtes Milieu) bei den heranwachsenden Kindern abnimmt anstatt dass er zunimmt. Warum ist das so? Wir sollen doch wachsen im Glauben! Wahrscheinlich liegt die Antwort darin, dass wir bei der „Erziehung“ im Glauben, zwar in bester Absicht, aber dennoch zu viel Wert auf die Aneignung äußerer Praktiken legen. Das ist vergleichbar mit Kindern „aus gutem Hause“ einer längst vergangenen Epoche, die zwar einen äußeren Verhaltenskodex verinnerlichten, bei denen aber innere Faktoren wie aufrichtige Zuneigung, Hochachtung und Empathie zu kurz kamen. Was dabei herauskam war zwar eine formvollendete Etikette: Diener, Knicks, Handkuss etc., d.h. höfliche Umgangsformen, die aber, wenn sie im Bewusstsein der Kinder keine Gestalt annahmen, de facto geheuchelt waren. Und ungefähr das Gleiche erleben wir heute mit Kindern, die, anders als „früher“, in Kita, Schule und Nachbarschaft nicht im Fortschreiten im Glauben bestärkt werden. Das Gegenteil ist der Fall. Die Konsequenz kann also nur sein, dass wir Erwachsene jetzt umso mehr aufrichtig vor Gott und den Menschen sein müssen. Es mag dabei gewiss ein Trost für uns sein, dass auch die größten Glaubenszeugen nicht ganz frei von menschlicher Schwäche waren (s. Gal. 2:11-14). Amen.