Predigt zum Hochfest des Einzugs des Herrn in Jerusalem / Palmsonntag (Phil. 4:4-9; Joh. 12:1-16) (25.04.2021)

Liebe Brüder und Schwestern, der Herr reitet, wie es geschrieben steht, auf einem jungen Esel den Abhang des Ölbergs hinab, um von dort in die heilige Stadt einzuziehen. Es ist der schwerste Gang in der Weltgeschichte, denn das Ziel ist Golgatha. Alles, was sich weltgeschichtlich davor und danach ereignet, ist im Vergleich dazu vollkommen unbedeutend. Selbst wenn der dritte Weltkrieg beginnen und Städte wie New York, Shanghai, Paris und London zerstört würden, wären das Ereignisse, an die sich nach 2-3 Generationen keiner mehr erinnern würde und die nur noch in der Geschichtsschreibung Erwähnung fänden. Was aber hier passiert hat Bedeutung für die Ewigkeit. Atombomben oder Pandemien können physisches Leben auslöschen, aber über das Seelenheil entscheiden sie nicht. Sobald Menschen sterben, werden Gerechte gerettet und Sünder verurteilt, egal wann, wo und wie sie zu Tode gekommen sind. Und schließlich sind in der Weltgeschichte schon zu früheren Zeiten glänzende Metropolen und mächtige Imperien für immer verschwunden. Im Vergleich zu dem, was sich in der Heilsgeschichte abspielt, ist das alles nur eine Sub-Realität; die Super-Realität ist aber das Reich Gottes, das Christus Sich jetzt in Seinem Blut zu gründen anschickt – eine absolute, wenn auch nicht mit leiblichen Sinnen wahrnehmbare, Realität, – und wir können an ihr teilhaben! Diese Realität wird für uns greifbar und zugänglich in der Kirche Gottes, welche „die Säule und das Fundament der Wahrheit“ ist (s. 1 Tim. 3:15). Wir sind nicht bloß „Beobachter“ (wie diejenigen, die glauben, schon errettet worden zu sein), auch nicht „Käufer“ (wie diejenigen, die durch vorgeschriebene Werke der Frömmigkeit das Seelenheil als etwas ihnen Zustehendes zu erlangen meinen), sondern Teilhaber, Mitwirkende an der Gnade des Reiches Gottes. Es ist aber ein schwieriger und anspruchsvoller Akt der Teilhabe, der auf Opferbereitschaft bis hin zur Selbstverleugnung beruht. Christus geht voran als „der Erstgeborene von vielen Brüdern“, damit wir an Seinem Wesen und Seiner Gestalt teilhaben (s. Röm. 8:29). Wir sind berufen, Ihm zu folgen. Unsere Freiheit geht mit Verantwortung einher, weshalb sich unsereins niemals seines Heils sicher sein kann. Gott ist gnädig, Er kann uns in Seiner Milde das Heil gewähren, wenn wir den Weg beschreiten, den Er uns durch Seinen heutigen Einzug aufgetan hat. Dieser Gang ist ein schwerer Gang. Zu schwer für uns, wenn wir ihn alleine gehen wollen. Christus warnt uns vor den Gefahren, die auf uns lauern (s. Mt. 7:13-14). Aber wir haben ja Sein Vorbild, dem wir alle, wie die Heiligen, nachahmen können (s. 1 Kor. 11:1). Ganz konkret ermahnt uns Christus, Der uns wie Schafe unter die Wölfe entsendet, „klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben“ (s. Mt. 10:16) zu sein. Er war Selbst „arglos wie die Tauben“, als Er Sich gefangennehmen und dem Kreuztod ausliefern ließ, aber Er war auch „klug wie die Schlangen“, als Er den Hades überlistete: „Er (der Hades) nahm den Leib und geriet auf Gott. Er nahm die Erde und geriet auf den Himmel. Er nahm, was er sah, uns fiel durch das, was er nicht sah“ (aus der Predigt des hl. Johannes Chrysostomos zum Tag der Auferstehung). Im Auferstehungskanon zum Morgenamt im 7. Ton wird Christus als der „Allerschlauste“ (slaw. Всехитрец) bezeichnet. Er hat Sich um unseres Heiles willen entäußert, nahm, obgleich Sohn Gottes, Knechtsgestalt an, war gehorsam bis zum Tode am Kreuz (s. Phil. 2: 6-8) – und täuschte den Hades, entmachtete den Teufel und schenkte uns dadurch das ewige Leben! Also können auch wir in der Einheit mit Christus in Seiner Kirche das Böse überwinden und zu Teilhabern der göttlichen Gnade werden. Christus ist der wahre Gott – alle Seine Prophezeiungen sind entweder schon eingetroffen (s. Mt. 23:39; Lk. 13:35) oder werden sich später bewahrheiten (s. Mt. 26:13). Er sagte die Zerstörung des Tempels in Jerusalem voraus (s. Mt. 24:2; Mk. 13:2; Lk. 19:44; 21:6) – wie können wir noch daran zweifeln, dass auch alle übrigen Prophezeiungen eintreffen werden?! Die ersten Tage der Passionswoche, an denen wir noch nicht des Verrats durch Judas und der Leiden Christi gedenken, sind liturgisch und spirituell von der Erwartung des Jüngsten Gerichts gekennzeichnet. Wollen wir also wachsam sein in diesen Tagen und die uneingeschränkte Aufmerksamkeit unseres Herzens auf den zu unserem Heil in Jerusalem einziehenden Herrn richten. Wenn wir es nämlich jetzt schaffen, „mit ganzer Seele und mit ganzem Verstand“ (s. dreifache Litanei in der Göttlichen Liturgie) mit dem Herrn zu sein und unsere seelischen und körperlichen Leidenschaften kreuzigen, dann wird uns das auch an den übrigen Tagen des Jahres leichter gelingen. Und dann werden wir an dem Tag, den niemand außer Gott allein kennt, wie der treue und gute Knecht dastehen, den sein Herr zu mitternächtlicher Stunde beim beherzten Befolgen aller ihm aufgetragenen Anweisungen vorfindet. „Wahrlich, das sage Ich euch: Er wird ihn zum Verwalter seines ganzen Vermögens machen“ (Mt. 24:46). Welcher Knecht möchte nicht am Ende von seinem Herrn seliggepriesen werden?!.. Deshalb: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch! (…) Der Herr ist nahe“ (s. Phil. 4:4-5). Heute kommt Er jedoch nicht mit Herrschergewalt, sondern in Sanftmut (s. Sach. 9:9; Mt. 21:5). Er unterbreitet jedem das Angebot, Ihn jetzt aus eigenem Willen mit dem ganzem Herzen aufzunehmen, um an Seiner künftigen Herrlichkeit teilzuhaben. Die morgen beginnende Große Woche bietet uns folglich die Gelegenheit, durch unsere Treue zum Herrn in das „Buch des Lebens“ (s. Phil. 4:3) eingeschrieben zu werden. Wir können uns ja nicht im Entferntesten vorstellen, wie schrecklich es sein muss, wenn man in der Todesstunde begreift, dass man zeit seines Lebens nichts zur Vorbereitung auf diesen Tag getan hat (s. Hebr. 10:31). Amen.
Jahr:
2021
Orignalsprache:
Deutsch