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Gedenken an die hl. Zarenfamilie

Unter all der Vielfalt von Ausgaben und Neuauflagen der letzten acht bis neun Jahre in Rußland (derer einst die sowjetischen Leser künstlich beraubt wurden) nehmen jene Bücher, welche dem Leben und dem Märtyrerende der letzten Zarenfamilie gewidmet sind, deren Antlitz in dem Vexierspiegel der sowjetischen Geschichtsschreibung so grob entstellt worden war, einen bedeutenden Platz ein. Das Interesse an der Zarenfamilie in Rußland besteht zweifellos, und die Herausgabe von ihr gewidmeten Büchern ist nicht so sehr von irgendeinem wissenschaftlichen Prozeß der Auslöschung eines normalen “weißen Flecks” der Geschichte bedingt, als vielmehr durch die Unumgänglichkeit, auf jene wesentlichen Fragen zu antworten, welche nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Regierung vor der russischen Gesellschaft standen. Es sind kirchliche, sowie gesellschaftlich-moralische und staatliche Fragen.
Auf der national-gesellschaftlichen Ebene ist der Prozeß der Erkenntnis dessen, was der Mord von Jekatarinburg für Rußland bedeutete, notwendig, damit das russische Volk “aus der Erinnerung an die Leiden der Zarenfamilie die unbesiegbare Kraft der moralischen Sühne schöpfe” (P. Gilliard), auf der kirchlichen Ebene jedoch muß dieser Prozeß, ebenso wie in der Russischen Kirche im Ausland, durch die Verherrlichung der kaiserlichen Märtyrer im Reigen der Heiligen gekrönt werden; und wie jede Verherrlichung auf Erden ist sie nicht jenen vonnöten, die bereits in der Triumphierenden Kirche weilen, sondern uns, die wir die kämpfende Kirche darstellen.
Ohne Bewußtwerdung dessen, was der Mord von Jekaterinburg für Rußland bedeutet, ohne würdige Verneigung vor jener moralischen Höhe, mit welcher der Zar-Märtyrer sich durch seine Abdankung zum Opfer darbrachte und in der die Zarenfamilie ihren Kreuzweg schritt, kann der fruchtbare und echt-kirchliche Prozeß der spirituellen Wiedererstehung des Landes und des Volkes nicht stattfinden.
Schließlich hat sich das Interesse an der Zarenfamilie noch zugespitzt durch das Erscheinen der um Jekaterinburg gefundenen menschlichen Gebeine, in welchen jene, die sie fanden, die leiblichen Reste der Mitglieder der letzten Zarenfamilie sehen. Dies rief einen nicht unbegründeten Proteststurm hervor, umsomehr, als die Arbeit um die Identifizierung der Überreste von Jekaterinburg nicht auf der gebührenden Ebene durchgeführt wurde. Als Resultat weigerte sich der Synod des Moskauer Patriarchats, an der von der Regierung geplanten Bestattung dieser Gebeine als derjenigen der Zaren-Märtyrer teilzunehmen.
Ungeachtet des Reichtums an neu herausgegebenen Büchern, die der Zarenfamilie gewidmet sind, bleibt noch viel außerhalb des Gesichtsfeldes des russischen Lesers. In erster Linie bezieht sich das auf jene Bücher, die nicht in russischer Sprache geschrieben sind. Zur Zahl dieser gehört auch das Buch der Baronin Sophie K. von Buxhoevenden “The Life and Tragedy of Alexandra Feodorovna, Empress of Russia”, aus dem wir zwei Kapitel der Aufmerksamkeit unserer Leser unterbreiten. Dieses Buch wurde auf Englisch geschrieben und 1929 in London-New York-Toronto herausgegeben. Von derselben Autorin gibt es noch zwei weitere Bücher, ebenfalls auf Englisch geschriebene Erinnerungen.
Das Geschlecht Buxhoevenden ging aus dem Herzogtum Bremen hervor. Die Buxhoevenden waren unter den ersten Kreuzzüglern, die sich in Livland versammelten und dort den Livischen Orden gründeten. Einer von ihnen, Alfred, ein Bremer Domherr, gründete 1200 Riga und war der erste Bischof von Riga. Sein Bruder Hermann war Bischof von Dorpat. Von dem dritten Bruder, Johannes, stammen die Grafen und Höflinge von Buxhoevenden ab. Und obwohl die Baronin Sofia Karlovna Buxhoevenden (1884-26.11.1956) diesem alten deutschen Geschlecht entstammt, betrachtete sie sich, wie viele “russische” Deutschen als Russin, und als ihre Muttersprache Russisch, worüber sie in dem Vorwort ihrer Bücher schreibt, indem sie sich bei den englischen Lesern für ihr Englisch (was durchaus nicht bedeutet, daß sie es schlecht beherrschte) und für ihren Mangel an literarischer Erfahrung entschuldigt.
Als ein kleines Mädchen wurde sie der Kaiserin vorgestellt und weil sie in der Folge lange Jahre als ihr Hoffräulein diente, war sie durch enge freundschaftliche Bande mit ihr verbunden. Sie blieb dieser Freundschaft auch nach der Revolution treu, als die Familie in Zarskoe Selo dem Hausarrest unterlag und viele sich von ihr lossagten. Sie konnte die Zarenfamilie jedoch nicht bei ihrer Verlegung aus Zarskoe Selo an den neuen Ort der Gefangenschaft Tobolsk begleiten, weil sie wegen einer Blinddarmoperation in Petrograd aufgehalten war, aber kaum wiederhergestellt, verschaffte sie sich von Kerenskij die Erlaubnis, sich der Zarenfamilie in ihrer Verbannung anschließen zu dürfen, und traf kurz vor Weihnachten in Tobolsk zusammen mit einer alten englischen Dame, einer Kindheitsfreundin ihrer Mutter, ein. Doch das mit besonderer Vollmacht ausgestattete Soldatenkomitee, von dem praktisch das ganze Leben der Gefangenen abhing, ließ sie nicht zur Zarenfamilie ziehen und verlangte sogar ihre Entfernung aus dem Kornilov Haus, wo das Gefolge untergebracht war. Das war sehr bedauerlich für die ganze Zarenfamilie, die ungeduldig ihre Ankunft erwartet hatte, was man in den Briefen der Zarin an A.A. Vyrobova nachlesen kann. Nichtsdestoweniger begleitete später die Baronin Buxhoevenden die Erlauchtesten Kinder aus Tobolsk nach Jekaterinburg, so wie wieder von der kaiserlichen Familie getrennt wurde. Nach dem Mord von Jekaterinburg emigrierte sie aus Rußland durch Vladivostok, Japan, San Francisco nach England, und dann nach Dänemark, nachdem sie erfahren hatte, daß dort die verwitwete Zarin Imperatorin Maria Feodorovna von der Krim eintreffen sollte, und wo damals auch ihr Vater war; für einige Zeit lebte sie dann in Dänemark, und danach in England, in London, wo ihr Leben zu Ende ging.
Das Buch ist, wie aus seiner Benennung ersichtlich, der Zarin gewidmet, und stellt eine der ersten Unternehmungen dar, ihre Biographie zu schreiben, weil gerade die moralisch so reine Gestalt der Kaiserin in erster Linie grober Entstellung unterlag (und leider sogar noch jetzt unterliegt).
Zur Verteidigung ihrer Herrscherin wurde also dieses Buch geschrieben: “Dieses Buch ist die Aufzeichnung eines Lebens, nicht die Beschreibung der täglichen Geschehnisse zu Hofe. Diese werde ich vielleicht eines Tages in meinen eigenen Erinnerungen aufschreiben. Dies ist ein exakter Bericht des Lebens der Zarin Alexandra Feodorovna, wie ich es gesehen habe. Möge es helfen, die falschen Eindrücke von Leuten zu tilgen, die sie höchstens ein bißchen gekannt haben, und möge es in Zukunft der nüchternen Neubewertung der Geschichte nützlich sein! Ich hatte den Vorteil der persönlichen Bezugnahme auf die authentischen Quellen. Die Kaiserin gab mir in vielen Gesprächen die Einzelheiten, die ich über ihre Kindheit und Jugend erwähne. Ich sprach mit vielen Leuten, die sie in ihren jungen Tagen in Deutschland und England kannten. Ich konnte Briefe lesen, die dem gewöhnlichen Leser nicht zugänglich sind, und ich habe meine eigenen Eindrücke und Erinnerungen hinzugefügt. Von 1913 an war ich selbst an allen Vorfällen, die ich beschreibe, beteiligt. Vorherige Daten, Namen, Ereignisse etc. wurden von meinen zwei älteren Kolleginnen, den Hoffräuleins Fürstin Elizaveta Nikolaevna Obolenskaja und Fürstin Maria Viktorovna Barjatinskaja geprüft.”
Es besteht kein Zweifel, daß das größere Interesse an dem Buch nicht die zwei letzten Kapitel, die wir veröffentlichen, darstellt, sondern jene, die ihnen vorhergehen, da sie auf die unmittelbare Gemeinschaft der Autorin mit der Zarin und der ganzen Zarenfamilie beruhen. In Tobolsk und in Jekaterinburg konnte Baronin von Buxhoevenden solche Gemeinschaft nicht pflegen. Außerdem wissen wir über die Tobolsker und Jekaterinburger Zeit der Gefangenschaft der Zarenfamilie aus, vom Gesichtspunkt der Information her gesehen, ohne Zweifel wertvolleren Büchern, wie beispielsweise den Erinnerungen des Tutors des Zarevi¡c, P. Gilliard, des Oberst Kobylinskij und anderer, die täglich in jener Zeit mit der Familie Kontakt hatten, und ebenso aus den Büchern von Sokolov, Ditteriks, die aus dem Material der Untersuchungskommission über den Mord an der Zarenfamilie schöpfen. Sogar die Zeugnisse der Mörder selbst wurden veröffentlicht.
So beschlossen wir, an der Schwelle zu dem 80. Jahrestag des Mordes von Jekaterinburg unserer Leserschaft die letzten Kapitel des Buches von Sophie von Buxhoevenden vorzulegen, um zusammen mit ihr nocheinmal den kaiserlichen Pfad des letzten Gottesgesalbten und seiner Familie hinauf zum Golgotha zu verfolgen und um das zu verstehen, was P. Gilliard in den letzten Zeilen seiner Erinnerungen erfaßte und so herrlich ausdrückte:
“Der Kaiser und die Kaiserin wollten als Märtyrer für ihr Land sterben: Sie starben als Märtyrer für die Menschheit. Ihre wahre Größe ist nicht in dem Prestige ihrer Zarenwürde beschlossen, sondern in der erstaunlichen moralischen Höhe, zu der sie sich allmählich erhoben. Sie stellen ein hohes Ideal dar, und sogar in ihren Entbehrungen bekundeten sie ergreifende Zeugnisse einer bewundernswerten seelischen Ruhe, gegen die alle Gewalt und alle Bosheit ohnmächtig war, und die sogar im Tod triumphierte.” - Red.