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Geburt und Tod des Menschen nach der Lehre der Christlichen Kirche

Bote 1994-4
Geburt und Tod des Menschen nach der Lehre der Christlichen Kirche
Zugrunde gelegt sind die Gebetsworte des Rituals. Vortrag aus dem Jahre 1913 in Saratov von Priester Michail Stepanov

Wo soll man eine Antwort suchen auf die Fragen nach Geburt und Tod des Menschen?
Das Geheimnis der Geburt des Menschen und der Ursprung einer besonderen, originellen geistigen Schöpfung, welche jeder von uns durch seine Persönlichkeit in Gottes Welt einbringt, stellt seit eh und je für nachdenkende Gemüter ein ernstes Rätsel dar.
Aber noch rätselhafter und ernster stellt sich die Frage über unseren Tod, über das Ende unseres sichtbaren irdischen Lebens. Wenn wir diese zwei Fragen in bezug auf Geburt und Tod des Menschen enträtseln und klären, dann lösen wir nicht nur ein äußerst schwieriges, geistiges Problem, sondern wir werden uns auch klar über den Sinn des Lebens, über den Pfad unseres Lebens – was uns in Zukunft erwartet, wohin wir streben müssen, worum wir vor allem Sorge tragen sollen...
Auf die Frage nach Geburt und Tod des Menschen, nach dem Sinn des Lebens haben viele philosophische und religiöse Lehren eine Antwort bereit. Sie antworten auf verschiedene Weise und nicht immer überzeugend. Für uns, die orthodoxen Christen, besitzt die Lehre der Orthodoxen Kirche die größte Überzeugungskraft, weshalb wir uns ihrer Lehre zuwenden und die Antworten auf die Fragen nach Geburt und Tod des Menschen in jenen Gebeten suchen, mit denen die Orthodoxe Kirche uns bei der Geburt begrüßt und beim Tod das letzte Geleit gibt.

Die Geburt des Menschen
Die Orthodoxe Kirche schreibt vor, bei folgenden Etappen nach der Geburt eines Kindes Gebete zu vollziehen: 1) “am ersten Tag, nachdem eine Frau ein Kind geboren hat”, 2) “am achten Tag”, bei der “Namensgebung.”*
In den Texten dieser Gebete finden wir auch die Lehre der Kirche über die Geburt des Menschen dargelegt. Bei der Geburt des Menschen gedenkt die Kirche der Geburt des Heilandes auf Erden, sie wendet sich an Ihn mit einem Gebet für das Neugeborene und erinnert daran, wofür genau der Sohn Gottes auf Erden geboren wurde: “Herr unser Gott, geboren aus unserer Allreinen Gebieterin, der Gottesgebärerin und Immerjungfrau Maria, der Du als Kind in der Wiege lagst... der Du geruhtest vom Himmel herabzusteigen... um der Rettung von uns Sündern willen...” (2. und 3. Gebet am “ersten Tag”). Der Herr Jesus Christus wurde zur Errettung von uns Sündern geboren.
Aber wofür wird der Mensch überhaupt auf Erden geboren? Die Kirche antwortet: “Daß er nach Deinem (göttlichen) Gebot lebe... und die Seligkeit der Auserwählten in Deinem (göttlichen) Königreiche gewinne...” (Gebet bei der Namensgebung). Gott “zeigte (dem Neugeborenen) das Licht der Sinne, daß er auch das Licht des Geistes erwerbe... und der Schar der Heiligen Gottes zugerechnet werde” (Gebet am 40. Tag) ... “Möge Dein heiliger (göttlicher) Name in ihm verherrlicht werden” (Gebet bei der Katechisation).
Das Ziel der Geburt des Menschen ist die Verherrlichung des Namens Gottes. Der Mensch wird geboren, um nach den Geboten Gottes zu leben – um Gott auf Erden zu verherrlichen und darum, daß er einst in die heilige “Göttliche Schar” eingehe und das himmlische, paradiesische Licht des Geistes schaue, daß er Gott im Himmel verherrliche. Bei der Taufe des Kindleins betet die Kirche “für den jetzt zur heiligen Erleuchung Herantretenden und um sein Heil, ... daß er erwiesen werden möge als Sohn des Lichtes und Erbe der ewigen Güter” (Große Ektenie beim Sakrament der Taufe).
Der Mensch muß geboren werden zur Gewinnung des Himmlischen Königreiches und zur Verherrlichung Gottes. Tatsächlich wird bereits der Akt der Empfängnis des Menschen oftmals von ausschließlich sündigen Empfindungen fleischlicher Leidenschaften begleitet, so daß die Kirche vor Gott spricht “nach den Worten des Propheten David wurden wir in Sünden empfangen, und ganz befleckt sind wir vor Dir” (1. Gebet “am ersten Tag”)... Wohl eben im Bewußtsein dieser sündigen fleischlichen Leidenschaften, welche gewöhnlicherweise die Mutter bei der Empfängnis des Kindes ergreifen, hält es die Kirche für vollkommen angebracht, sogleich nach der Geburt des Säuglings um die Vergebung der Sünden der Wöchnerin zu beten: “O Herr, erbarme Dich selber Deiner Magd, die heute dieses Kind gebar und vergib ihr alle willentlichen und unwillentlichen Sünden...” (ebenda, 2. Gebet). “Der Du die Schwäche des menschlichen Wesens kennst... blicke vom Himmel herab und sehe die Hilflosigkeit von uns Verdammten, und verzeihe dieser Deiner Magd und dem ganzen Haus, in dem das Kind geboren wurde” (ebenda 3. Gebet).
Das Gebet um die Vergebung der Sünden der Gebärerin und Mutter darf man nicht in dem Sinn verstehen, daß die Kirche die Geburt des Menschen als solche als Sünde ansieht. Im Gebet für die Gebärerin spricht die Kirche deutlich: “Du hast ja gesagt, o Herr: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und macht sie euch untertan” (ebenda). Folglich anerkennt die Kirche, daß die Geburt des Menschen nicht gegen die Gebote Gottes, sondern im Einklang mit ihnen steht. Abgesehen davon betrachtet die Kirche den willentlichen oder nicht-willentlichen Abgang der empfangenen Leibesfrucht als einen Mord, und im Gebet für die “Frau, wenn sie das Kind ausstößt” wiederholt sie zweimal – als ob sie besonders nachdrücklich diesen Gedanken unterstreichen wolle – daß die Abtreibung des empfangenen Embryos Mord ist. “O Herr erbarme Dich nach Deiner großen Barmherzigkeit dieser Deiner Magd, die heute durch den Ausstoß des von ihr Empfangenen der Sünde des willentlichen oder unwillentlichen Mordes schuldig wurde...”.
Es kommt hier ganz klar zum Ausdruck, daß die Kirche den Standpunkt der Wahrung der Mutterschaft und des Schutzes des Embryos einnimmt.
Etwas Rührendes und Zärtliches klingt an im Gebet der Kirche für die Mutter und Gebärerin: “Heile ihre Schmerzen, schenke ihr Gesundheit und Kraft für Seele und Leib und umgib sie mit lichten und leuchtenden Engeln” (3. Gebet) ...
Die Kirche glaubt, daß der Herr den Menschen nach Seinem Ebenbild und Seiner Ähnlichkeit schuf und ihm die “Befähigung zum ewigen Leben” verlieh (Gebet für die Katechisation), d.h. Er bestimmte den Menschen zum ewigen, seligen Leben voraus. Aber der erstgeschaffene Mensch fiel durch seine Sünde von Gott ab und ging der Seligkeit verlustig. Der Herr jedoch verschmähte ihn auch dann nicht, “als er durch die Sünde abgefallen war, sondern bewerkstelligte durch die Menschwerdung Christi die Erlösung der Welt (und des Menschen)” (ebenda).
Der in Sünde empfangene Mensch wird nach der Lehre der Kirche nicht in vollkommen heilem Zustand geboren, sondern er bringt in die Welt “jenen uralten Betrug” mit sich, jenes alte Wesen, welches den Menschen kennzeichnet, der “durch die Lüste der Verblendung verderbt ist” (Gebet aus dem Ritus der Taufe “Groß bist du Herr”).
Das alte Wesen oder die Gebrechlichkeit und Verweslichkeit, die Fäulnis – all das sind recht anschauliche Bilder, durch welche im allgemeinen die nicht zu rektifizierende, grundlegende Verderblichkeit einer Sache bezeichnet wird... eine alte, in Zersetzung, in Verwesung begriffene Sache: ein sehr deutliches Bild.
Etwas in Zersetzung, Fäulnis Übergeganges werfen wir weit von uns weg und setzen es nicht mehr instand, sondern wir erneuern es, indem wir es durch etwas vollkommen Neues ersetzen.
Wenn die Kirche über den neugeborenen Menschen sagt, daß er hinfällig und bereits dem Verfall ausgesetzt geboren wird, so wird dadurch zweifellos die tiefe grundlegende Verderbtheit des Neugeborenen angedeutet, die er bei der Geburt in die Welt mitbringt. Die Kirche glaubt, daß der neugeborene Mensch sich in Union mit dem Teufel befindet, “einem bösen Geist, der Verfinsterung der Gedanken und Verwirrung des Gemütes herbeiführt...” (ebenda). Es wird daher verständlich, daß die Kirche für den Neugeborenen zu Gott betet: “Schilt die unreinen Geister und verfolge sie... und gib ihm (dem Täufling) Sieg über denselben (Satan und die Sünde)” (Gebet zur Aufnahme eines Katechumenen).
Die Taufe ist die “Wiedergeburt”, die vollkommene Erneuerung oder geistliche Wiedergeburt des Menschen. Die Taufe vernichtet von der Wurzel an die seelische Verderbtheit und macht den Menschen rein, sündlos, dem erstgeschaffenen Menschen ähnlich. In den Gebeten der Kirche werden die Früchte der Taufe ganz genau spezifiziert.
Was empfängt der Mensch nun in der Taufe? Darauf antwortet die Kirche derart. In der Taufe “wird der Mensch im ewigen Leben erneuert” er wird zu einem “Kind des Reiches Gottes” (Gebet für die Katechumenen). In der Taufe wird der Mensch “wiedergeboren” (Gebet der Taufe). Diese neue Geburt des Menschen muß man so verstehen, daß durch die Taufe “der alte Mensch abgelegt wird, der durch die Lüste der Verführung verderbt ist, und er sich zu einem neuen, nach dem Bilde seines Schöpfers geformten Menschen erneuert” (ebenda)... In der Taufe empfangen wir “die Reinigung des Fleisches und Geistes, die Lösung der Fesseln, die Nachlassung der Übertretungen, die Erleuchtung der Seele, das Bad der Wiedergeburt, die Erneuerung des Geistes, das Gnadengeschenk der Kindschaft, das Gewand der Unverweslichkeit, die Quelle des Lebens” (ebenda).
Die Taufe ist eine Ähnlichkeit des Todes Christi. Christus starb, aber dann “auferstand Er von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters”. Und wir sterben in der Taufe der Sünde und auferstehen zum “Wandel in einem neuen Leben” (Röm 6,4). Die Taufe ist das Ende – der Tod des sündigen Menschen und die Auferstehung, die Erneuerung des Menschen nach dem Vorbild des erstgeschaffenen reinen Adam. In der Taufe werden wir wiedergeboren und treten als geistig Erneuerte, als Auferstandene ins Leben.

Der Tod des Menschen
Geistig erneuert durch die Taufe beschreitet der Christ nun den Pfad seines Lebens... Sein irdisches Leben geht zu Ende... und er steht an der Schwelle des Todes...
In diesen Augenblicken vor dem Tod verläßt die Kirche Christi die Gläubigen nicht und dem sterbenden Christen wird bei seinem Tod der “Bittkanon bei der Trennung von Seele und Leib” vorgelesen; wenn der Christ bereits gestorben ist, dann betet die Kirche für den Entschlafenen nach dem so ergreifenden “Ritus bei der Beerdigung verstorbener weltlicher Personen”.
In den genannten kirchlichen Riten finden wir eine Beschreibung des Todes des Menschen und einen Hinweis auf seine Existenz nach dem Tode.
Den Augenblick des Todes beschreiben die kirchlichen Gebetstexte mit schrecklichen Worten: “Meine Seele umfängt jetzt große Furcht, sie zittert unaussprechlich und ist schmerzerfüllt” (Bittkanon bei der Trennung von Seele und Leib). Nach der Darlegung der kirchlichen Gebete leidet der Mensch im Augenblick des Todes nicht nur psychisch, sondern auch physisch: “Die zerrissenen Bänder, die aufgelösten Gesetze... des ganzen körperlichen Gefüges verursachen mir unerträgliche Not und Bedrängnis” (ebenda). “Wehe mir, welchen Kampf erduldet die Seele, da sie sich von dem Körper scheidet! Wehe, wie weint sie dann, und es ist niemand, der sich ihrer erbarme! Richtet sie die Augen zu den Engeln, sie flehet vergebens; streckt sie nach Menschen die Hände aus, sie findet keinen Helfer...” (Idiomela, Begräbnisritus für Laien).
Die Gebetstexte der Kirche antworten auf die Frage, welche Gemütszustände und Vorstellungen die Seele des Sterbenden durchmacht: “Wird die Seele dem Leibe durch die ehrfurchtgebietenden Engel mit Macht entrissen, so vergißt sie alle Bekannten und Verwandten und sorget sich darum, wie sie vor dem künftigen Gerichte bestehen möge” (Stichira Prosomia, Beerdigungsritus für Laien).
Beim Tode von gläubigen Christen betet die Kirche: “Meine heiligen Engel, tretet ein und stellet euch vor den Richterstuhl Christi, eure geistigen Knie beugend, und rufet jammernd zu Ihm: Erbarme dich, Schöpfer des Alls, über das Werk deiner Hände” (Kanon bei der Trennung von Leib und Seele). Für den sterbenen Christen fleht die Kirche zur Allheiligen Jungfrau Maria und zu den heiligen Engeln um Hilfe.
Für den entschlafenen Christen bittet die Kirche hauptsächlich die heiligen Märtyrer und die Allheilige Jungfrau um Hilfe: “Es kämpften gesetzesmäßig Deine Märtyrer, o Lebensspender, und mit dem Kranze des Sieges von Dir geschmückt reichen sie bereitwillig dar die ewige Erlösung dem gläubig Dahingeschiedenen” (Begräbniskanon für Laien. Im Begräbniskanon ist der erste Tropar stets dem Andenken der Märtyrer geweiht. Das erklärt auch den angefügten Hymnus “Wunderbar ist Gott in seinen Heiligen, der Gott Israels”). “Rette die auf Dich hoffen, Mutter der nie untergehenden Sonne, Gottesgebärerin, erflehe durch Deine Gebete bei dem Allgütigen Gott, daß Er ruhen lasse den nun Hingeschiedenen” (Stichiren, Beerdigungsritus für Laien).
Der Tod des Menschen führt ein strenges und exaktes Gericht über sein irdisches Leben herab und zeigt ganz deutlich, was für den Menschen nach dem Tod wertvoll und wichtig ist. Der Tod liefert eine klare Lösung der Frage nach dem Sinn des irdischen Lebens des Menschen.
Die Gebetstexte der Kirche, die über der sterblichen Hülle des verstorbenen Christen rezitiert werden, sind besonders lehrreich und verständlich für uns, die wir noch auf Erden weilen, aber doch zum unausweichlichen Tod verurteilt sind... Die Kirche ruft uns zum Grab des Entschlafenen, spricht hier ein Urteil über unsere irdischen Bestrebungen aus und zeigt uns die ewigen, einzigen Ideale des Lebens. “Kommt herbei, ihr Nachkommen des Adam, sehet wie niedergestreckt zur Erde ist unser Ebenbild...”. “Kommt, meine Brüder, lasset uns im Grabe anschauen die Asche und den Staub, daraus wir gebildet sind. Wohin gehen wir alsdann?” (ebenda).
Der Tod gleicht alle irdischen Unterschiede und Vorteile aus: “Fürwahr, eitel und vergänglich ist alles Liebliche und Herrliche des Lebens, wir alle vergehen, wir alle unterliegen dem Tode: Könige und Fürsten, Richter und Gewalthaber, Reiche und Arme... alle werden ins Grab geworfen...” (ebenda). Jenseits des Grabes “gibt es kein Ansehen der Person: dort stehen zusammen der Knecht und der Gebieter, der Herrscher und der Söldner, der Reiche und der Arme, alle in gleicher Würde...” (ebenda).
Wenn Reichtum und Armut, Ruhm und Unberühmtheit im Grabe einerlei sind, dann gilt: “Alle menschlichen Dinge sind eitel; sie bleiben uns nicht nach dem Tode, es bleibt nicht der Reichtum, der Ruhm geht nicht mit uns, denn beim Nahen des Todes verschwindet das alles” (Idiomela, ebenda).
Vor dem Grabe sind menschliche Schönheit und körperliche Kraft gleichgültig. Wenn unsere körperliche Kraft angesichts des Todes machtlos ist, dann ist es offensichtlich, daß unser ganzes irdisches Leben von kurzer Dauer, unbeständig gleich dem Dasein einer Blume, einer Pflanze, oder gar flüchtig wie der Rauch ist. “Was ist unser Leben? Eine Blume, ein Dunst, wahrlich ein Morgentau, kommet denn, lasset uns deutlich an den Gräbern sehen: Wo ist die Schönheit des Körpers hin? Wo die Jugend? Wo sind die Augen und die Gestalt des Leibes? Alles ist verwelkt, wie Gras, alles ist verschwunden” (Stichira Prosomia). “Den vor uns liegenden Toten anschauend, lasset uns alle ein Bild der letzten Stunde empfangen: Dieser flieht von der Erde wie Rauch, ist verblüht wie eine Blume, ist abgemähet wie Heu” (ebenda).
Wenn wir sehen, wie der Tod keine Unterschiede macht hinsichtlich menschlicher Glorie, menschlicher Stärke und Schönheit, können wir logischerweise zu der Schlußfolgerung kommen: “In Wahrheit ist alles eitel, das Leben ein Schatten und Traum” (Sedalen). “Ich gedachte des Propheten, der da rief: Staub und Erde bin ich” (Idiomela).
Erwägungen über die Kürze und Gebrechlichkeit des irdischen Lebens des Menschen dürfen jedoch in der Seele des gläubigen Christen keine Stimmung düsterer Verzweiflung und hoffnungsloser Angst vor dem Tode hervorrufen. Die christliche Kirche lehrt, daß beim Tode nur der eine sichtbare Teil des menschlichen Wesens vergeht, während die andere unsichtbare heil und unzerstörbar bleibt.
Der Tod ist schrecklich und erbarmungslos nur für die physische Natur des Menschen und seine hinfälligen, irdischen Anhängsel... Aber gleichzeitig ist der Tod vollkommen machtlos für das geistige Wesen des Menschen, für seine ewige, heilige Existenz und Ideale. Nach dem Tode bleibt der unsterbliche Geist des Menschen lebendig. Auch die unvergängliche Schönheit dieses Geistes bleibt bestehen: Wahrheit, Güte, Heiligkeit, Glauben.
Die Kirche bringt uns diese ihre Lehre nahe, indem sie auf die Geschichte der Erschaffung des Menschen hinweist. Wie wurde der Mensch geschaffen? “Zum Ursprung und Sein ist mir geworden Dein schöpferisches Wort (das göttliche schöpferische Wort schuf den Ursprung und die Natur meines Lebens), denn Du hast gewollt, daß ich ein lebendiges Wesen würde, aus sichtbarer und unsichtbarer Natur zusammengesetzt; darum hast Du meinen Leib aus Erde gebildet und mir die Seele durch deinen göttlichen und belebenden Odem gegeben” (Idiomela).
Der Plan des Göttlichen Willens bei der Schaffung des Menschen war derart: Der Mensch sollte ein unsichtbares Wesen haben, deshalb gab ihm der “göttliche Odem” eine Seele; außerdem sollte der Mensch auch eine sichtbare Natur haben, daher schuf Gott “den Körper aus dem Staub”.
Weshalb verlieh Gott dem menschlichen Gefüge eine solche Duplizität? Warum stellte Gott den Menschen mitten zwischen das unsichtbare und sichtbare Wesen, durch die Verknüpfung der sichtbaren und der unsichtbaren Natur?
Die Antwort ergibt sich wieder aus der Geschichte der Erschaffung des Menschen. Den ersten Menschen erschuf Gott nach seinem Ebenbild und seiner Ähnlichkeit: “Ins Paradies setztes Du ihn zu herrschen über Deine Geschöpfe” (ebenda).
Der Mensch erhielt einen Körper, um zusammen mit den Geschöpfen Gottes und fest verbunden in der sichtbaren Welt Gottes zu leben. Und eine Seele erhielt der Mensch, um über diese sichtbare Welt zu herrschen, um in die sichtbare, materielle Natur die Weisheit der Göttlichen Vernunft einzubringen.
Den irdischen Tod des Menschen gab es ursprünglich, beim Leben im Paradies noch nicht. Als aber der Mensch “durch den Neid des Teufels betrogen, von der Frucht kostete und ein Übertreter Deiner Gebote wurde, hast Du ihn verurteilt, daß er wiederum zur Erde verwandelt werde, aus welcher er genommen wurde.”
Der Tod ist das Ende der zentralen, königlichen Stellung des Menschen unter den Geschöpfen. Der Tod ist die Rückkehr des Geistes des Menschen zu seinem Schöpfer, zu Gott, der Beginn des rein geistigen Lebens des Menschen. Der Tod ist die Rückkehr unseres physischen Gefüges zu seiner natürlichen Substanz (zur Erde), der Abschluß des sichtbaren, materiellen Lebens des Menschen.
Im Angesicht des Todes sollte der gläubige Christ ohne Schrecken oder Furcht, mit kühnem Vertrauen sagen: “Nun wird der ganze üble Gleiß der Eitelkeit des Lebens aufgelöst, denn der Geist hat sein Haus verlassen...” (Prosomia).
Besonders tröstlich und beruhigend ist es für uns gläubige Christen, die wahrhaften Worte des Heilandes zu hören: “Amen, amen, ich sage euch: Wer mein Wort höret und glaubet dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurch gedrungen” (Jh. 5,24).

Das zukünftige, jenseitige Leben
Eine mutige, friedvolle Stimmung der Zuversicht beim Gedanken an den Tod durchweht den Ritus der Beerdigung für Kleinkinder oder den österlichen Begräbnisritus.
In dem Ritus für das Begräbnis der in der Osterwoche Entschlafenen lehrt die Kirche kühn und zuversichtlich: “Alle, die in der Hoffnung der Auferstehung und des ewigen Lebens sterben, gehen durch die Auferstehung Christi von dieser trübseligen Welt zu Jubel und Freude ein”.
Im “Begräbnisritus für Kinder” legt die Kirche ihre Lehre über die jenseitige Seligkeit der Gerechten dar, welche nach dem “unverbrüchlichen Versprechen” des Heilandes (Mk. 10,14: “... denn solchen gehört das Himmelreich”) alle verstorbenen Kinder ganz gewiß ererben.
Die Kinder sterben “noch ehe sie zum Genuß der irdischen Lüste gelangten”, “noch ehe sie die Freuden dieses Lebens gekostet haben” (Kanon aus dem Begräbnisritus für Kinder).
Im Namen des entschlafenen Kindes singt die Kirche: “Jetzt bin ich zur Ruhe gelangt und habe viel Erquickung gefunden, weil ich aufgestanden bin aus dem Verderben und hinüberversetzt ward zum Leben, Ehre sei dir o Herr.” (Expostilarion). “Weshalb betrauert ihr mich, das dahingeschiedene Kind – ruft das Daliegende unsichtbar aus – denn den Kindlein, welche keine beweinenswerten Werke verübt haben, ist die Freude aller Gerechten bestimmt” (Kanon).
Auf die Frage danach, warum nun der Herr gerade die entschlafenen Kinder mit ewiger Seligkeit belohnt, antwortet die Kirche – deshalb, weil sie keine Genüsse im irdischen Leben gekostet haben: “Du hast der irdischen Güter dein Kindlein beraubt, um dasselbe als teilhaftig deiner himmlischen Güter zu erweisen”.
Die Gebetsworte der Kirche erwähnen auch den natürlichen Trauerschmerz der Eltern beim Tod des Kindes: “Nichts ist mehr Mitleid erregend, als die Mutter, nichts schmerzvoller, als der Vater; groß ist der Stachel, welchen ihre Herzen haben wegen der Kinder”. In Anbetracht der Schwere und Größe des elterlichen Kummers um das verstorbene Kind betet die Kirche für die Beruhigung dieser leidenden elterlichen Herzen: “Gott, o Gott, der du mich gerufen hast (spricht das verstorbene Kindlein), sei meinem Hause nun ein Trost... erquicke das Innere meiner Mutter und das Herz meines Vaters erfrische”. “Den Schmerz der Eltern erleichtere Du selber als der Allgütige und Menschenliebende” (Kanon).
Die jenseitige Existenz des Kindes wird in den Gebetsworten der Kirche auf folgende Weise beschrieben: Das Kind wird “... der himmlischen Säle, des glänzenden Loses und der geweihten Schar der Heiligen teilhaftig werden”, es wird ein “Bewohner des Paradieses”. Im Jenseits jubelt das Kind im “Schoße Abrahams (in der engsten Gemeinschaft mit Abraham), in den Gezelten der Ruhe, wo die Freude der Festfeiernden immerdar währt, an den Stätten der Erholung, wo das lebendige Wasser sprudelt” (Kanon).
Derart wird die paradiesische Seligkeit der Gerechten in der jenseitigen Welt allegorisch dargestellt, etwa durch das Bild des Lebens in einem Palastgemach, in der Labsal nimmer endender Ruhe und Freude, in der engen Gemeinschaft mit den Gerechten.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens
Nach dem Plan Gottes, der bei der Schöpfung des Menschen zum Ausdruck kommt, soll der Mensch über die sichtbare Natur herrschen, selber den Willen Gottes ausführen und diesen göttlichen Willen auch in das universale Leben der Geschöpfe hineintragen.
Jedoch hielt sich der Mensch nicht auf dieser königlichen Höhe: “... Schmerz befiel einst Adam nach dem Kosten vom Baume in Eden... und damals überkam der Tod alle Geschlechter, der den Menschen fraß. Aber es kam der Gebieter, machte die Schlange unschädlich und schenkte uns die Ruhe. Zu Ihm rufen wir daher: Erbarme Dich seiner, Retter, und mit Deinen Erwählten laß ihn ruhen.”
Nach Gottes Plan sollte der Mensch ewig leben und unauflösbar in dem sichtbaren Reich der Natur wohnen.
Aber die Sünde Adams, seine Widersetzung gegen den Willen Gottes und sein Streben, nach dem eigenen – dem menschlichen und dem teuflischen – Willen zu leben, all dies führte dazu, daß der Tod in die Welt kam... Das Leben des Menschen, das in der Welt der sichtbaren Erscheinungen beginnt, findet durch den Tod ein jähes Ende... Dieser Bruch im Leben, der Übergang aus der sichtbaren Welt in das Leben der geistigen Welt – der Tod nämlich – löst klar für uns die Frage nach dem Sinn des Lebens. Wozu lebt man? Wonach soll man streben? Was sollen wir im Leben suchen?
Wenn das irdische Leben unendlich weitergehen würde, dann müßten auch die Ziele unseres Lebens ausschließlich irdische bleiben, greifbar und fühlbar für uns. Wenn wir ewig auf Erden bleiben würden, dann wäre es uns möglich, uns ausschließlich der Verbesserung der Bequemlichkeiten des Lebens zu widmen, der Erfindung und Vervollkommnung von Kulturgütern, wir würden nichts tun als Reichtum anhäufen, unsere Kraft vermehren oder unsere Schönheit entfalten... Ein bequemes, reiches und feines Leben – das ist die Grenze unserer irdischen Bestrebungen. Und ewig komfortabel, satt und luxuriös zu leben – das ist zweifellos und unbestritten das einzige Ziel der irdischen, materiellen Existenz.
Aber unser irdisches Leben ist von kurzer Dauer. Reichtum und Schönheit, Kultur und Komfort, Ruhm und Größe benötigen wir nur bis zum Grab... Im Grabe sind die Leichen des Reichen und des Armen, des Schönen und des einst an Kraft Strotzenden alle gleich und von einer Sorte. Daraus wird klar: Auch wenn wir Reichtum oder Kultur oder Schönheit brauchen, dann ist all dies nur bis zum Tod notwendig, denn nach dem Tode werden all diese aufgeführten Reize des Lebens für uns persönlich nutzlos, unnötig, leer und überflüssig.
Nach dem Tode brauchen wir eine andere Art der Schönheit, eine andere Form von Reichtum: nämlich die Schönheit der Seele und den Reichtum der Tugenden.
Eine gute, mit dem Nächsten mitfühlende, anteilnahmsvolle, sanfte, demütige und gläubige Seele – das ist das ewige Ideal, das ist jene unvergängliche Schönheit und der nicht-schwindende Reichtum, welchen wir in unserem Leben auf Erden suchen sollten.
Wenn wir in unserem Leben hienieden diese Ströme der Ewigkeit finden, wenn wir uns diesen ewigen Idealen nähern, dann verblaßt der Glanz der irdischen Ideale vor ihnen, es verblaßt die Größe der irdischen Wissenschaft, Kultur, Schönheit und Stärke. Es bleibt nur ein unverwesliches, ergreifend herrliches Lebensideal übrig, nämlich das ewige Leben im Guten und in Gott.
Wenn wir für das Gute und für Gott leben, dann wird sogar der Tod nicht schrecklich für uns sein. Der Tod wird ein Übergang für uns und ein Zugehen auf das wahre Gute und die ewige Wahrheit – den Lebendigen Gott. Der Tod des Leibes wird ein Erwachen aller Kräfte des Geistes, die während des irdischen Lebens nur taub und kaum merklich nach außen durchschimmerten. Der Tod des Körpers ist für den gläubigen Christen die Auferstehung des Geistes. Das ist kein schreckliches Gespenst, sondern die ersehnte Annäherung an Gott. Er ist der gewünschte Übergang zur Ewigkeit bis zur allgemeinen Auferstehung, welche unausweichlich eintreten wird – sie steht ebenso wenig außer Zweifel wie die Auferstehung Christi außer Zweifel steht. Christus auferstand von den Toten, den Tod durch den Tod besiegend schenkte er denen in den Gräbern das Leben – das Ist der Tropar des heiligen Osterfestes, und eben dieser Tropar steht zu Beginn und am Ende der Gebetsworte des Begräbnisgottesdienstes der Orthodoxen Kirche in den Tagen der Osterwoche.