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Predigt zum 15. Herrentag nach Pfingsten (2 Kor. 4:6-15; Mt. 22:35-46) (09.09.2018)

Liebe Brüder und Schwestern,

 

heute erleben wir wieder wie so oft, dass unser Herr Jesus Christus von einem Seiner zahllosen Kontrahenten aus den Reihen der Pharisäer auf die Probe gestellt wird (s. Mt. 22:35): "Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste?" (22:36). Offensichtlich will der Fragesteller den Herrn zu einer unbedachten Äußerung provozieren, um Ihn dann öffentlich bloßzustellen oder anklagen zu können. Doch der Herr antwortet ohne Umschweife: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken" (22:37; vgl. Deut. 6:5), und fügt von Sich aus hinzu: "Das ist das wichtigste und erste Gebot" (22:38). Unerwartet ist diese Antwort aus dem Munde eines religiösen Gesetzteslehrers erst einmal nicht. Doch der Herr macht hier keinen Punkt, setzt auch kein Ausrufezeichen, sondern nur ein Semikolon; das unsererseits von Ihm fast schon erwartete Überraschungsmoment liefert Er sofort nach: "Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst (22:39; vgl. Lev. 19:18). An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten" (Mt. 22:40). Das Gebot der Nächstenliebe kannte man schon aus dem Alten Bund, aber die Liebe zum Mitmenschen auf eine Stufe zur Gottesliebe stellen - das ist wahrhaft revolutionär. Es bedeutet nämlich, dass der Mensch in Gottes Augen unendlich wertvoll, ja, Gott gewissermaßen ebenbürtig ist! Die soeben erfolgte Gleichsetzung stammt ja vom Gesetzgeber Selbst, vom Mensch gewordenen Gott. Und so lautet die  neue Formel Christi schlicht und ergreifend: Man kann nicht Gott lieben und zugleich den Menschen hassen (s. 1 Joh. 3:17; 4:20).

Aber kommt es nicht einem Frevel gleich, den Menschen mit Gott auf Augenhöhe zu sehen? - Ja, so könnte man meinen, wenn die Menschwerdung Gottes nicht stattgefunden hätte. Sie hat aber stattgefunden und sie bezeugt in der Person Jesu Christi (vgl. Joh. 10:33-38) eindrucksvoll: "Für Gott ist alles möglich" (Mk. 10:27; vgl. Mt. 19:26).

Was ergibt sich aus der nun erfahrenen unergründlichen  Aufwertung des Menschen noch? Im Grunde nichts Neues. Wir wissen doch von Anfang an, dass der Mensch nach Gottes Abbild erschaffen und berufen ist, Gott ähnlich zu sein (s. Gen. 1:26-27). Das von Jesus Christus gegründete Neue Testament baut nur auf dem Alten Bund auf: "Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist" (Mt. 5:48). Das ist kein Hirngespinst, sondern Realität, denn durch die Menschwerdung Gottes ist die Gottwerdung des Menschen möglich geworden. Wäre dem nicht so, müssten die Berichte vom mystischen Abendmahl bloß eine Randnotiz in den Evangelien darstellen; so aber künden sie im voraus von der "Hochzeit des Lammes" (Offb. 19:7). Bei einer Hochzeit wird Treue bis in den Tod gelobt,  eine Treue, mithilfe derer "durch das Blut des Lammes" (12:11) auch der stärkste Widersacher besiegt werden wird. Und bei einer Hochzeit werden zwei miteinander vereint. Also bedeutet das Gebot von der Liebe zu Gott für einen Christen, dass er Christus über alles liebt. "Christ sein" bedeutet für ihn, dass er sein ganzes Leben, sein ganzes Denken, Fühlen und Handeln nur nach den Geboten Christi ausrichtet. Oh, wenn ich da an den Baptisten- oder Methodistenprediger aus den USA denke, der gesagt hat: "Wenn mein Sohn zu mir kommt und sagt: ´Dad, ich glaube, als Buddhist kann ich ein besserer Mensch werden als als Christ!`, dann werde ich zu ihm sagen: ´Mein Sohn, dann werde doch Buddhist!`"!!! In gewisser Weise hat der Mann dabei ja nicht ganz unrecht: als Buddhist, Jude oder Moslem, ja sogar als Atheist kann ich womöglich ein "guter Mensch" sein - welche Kriterien auch immer hierfür ausschlaggebend sein dürften. Aber weist uns das Evangelium etwa den Weg zum Gutmenschsein?!.. Deshalb stellt der Herr Jesus Christus im heute gelesenen Abschnitt von Sich aus die Frage nach dem Messias: "Wessen Sohn ist Er?" (Mt. 22:42). Wäre der verheißene Erretter bloß Sohn Davids, also rein menschlicher Abstammung, könnte Er gegebenenfalls kraft und namens Gottes große Zeichen und Wunder wirken, aber die Ebenbürtigkeit Gottes erlangen und auch noch die Menschen zu göttlicher Vollkommenheit bevollmächtigen könnte Er nie. Ist der Messias aber Gottes Sohn, Den David, vom Geist (Gottes) erleuchtet, als seinen "Herrn" bezeichnet (s. Mt. 22:43-44), können wir von einer ganz anderen Betrachtungsweise an die Frage nach der Vervollkommnung bzw. Vergöttlichung des Menschen herangehen. Es ist ja nicht von der Hand zu weisen, dass es sich bei der ursprünglichen Frage des Pharisäers nach dem wichtigsten Gebot nicht um nebensächliche Dinge, sondern um eine Materie von  allerhöchster Priorität handelte. Und wenn Christus Selbst die Frage nach dem Messias im direkten Zusammenhang mit der Frage nach dem obersten Gebot so sehr in den Fokus der Betrachtung stellt, dann nur, um zu zeigen, dass Er Selbst "der Weg und das Leben und die Wahrheit" (Joh. 14:6) ist und dass niemand zum Vater kommt, außer durch Ihn (ebd.). Er wird vom Vater geliebt, weil Er Sein Leben (für uns) hingibt, um es (ebenso für uns) wieder zu nehmen (s. Joh. 10:17). Christus, der Messias, hat demzufolge beide Bestandteile des Doppelgebots von der Gottes- und Menschenliebe durch Sein Leben und Seinen Tod in Sich vereint. Er war dem Vater "gehorsam bis zum Tod" (Phil. 2:9) und hat Sein Leben für uns Menschen hingegeben (s. Mt. 20:28;  Mk. 10:45). Vereint mit Christus in Seinem Leib und durch Sein Blut - vereint untereinander in Christus! So werden vielleicht auch wir eines Tages den Zustand der Heiligen anpeilen können, die das Leid fremder Menschen so bewegte, als wäre es ihr eigenes. Hier sind Liebe zu Gott und Liebe zum Menschen wirksam miteinander vereint. Das muss nun auch der Maßstab für jeden Christen sein. Amen.

Jahr:
2018
Orignalsprache:
Deutsch