Predigt zum Vorabend des Herrentags des verlorenen Sohnes (03.02.2018)

Liebe Brüder und Schwestern,

 

heute wird beim Orthros in der halbdunklen Kirche der 136. Psalm gesungen:

 

"An den Flüssen Babylons, dort saßen wir und weinten, wenn wir an Sion dachten. An den Weiden mitten darin hängten wir unsere Harfen auf. Denn dort verlangten von uns, die uns gefangenommen hatten, Worte von Liedern, und die uns hinweggeführt, einen Lobgesang: ´Singt uns von den Sionsliedern!` Wie sollen wir singen das Lied des Herrn im fremden Land? Wenn ich dich vergäße, Jerusalem, so soll vergessen sein meine Rechte. Es klebe meine Zunge an meinem Schlund, wenn ich an dich nicht mehr denke, wenn ich nicht Jerusalem ganz vorn hinstelle an den Anfang meiner Freude. Gedenke, Herr, der Kinder Edoms am Tag von Jerusalem, die da sagen: ´Plündert es, plündert es bis auf seinen Grund!` Tochter Babel, elende, selig, der dir vergilt deine Taten, die du uns angetan! Selig, der deine Kindlein packt und am Felsen zerschlägt!"

 

Was müssen die Juden empfunden haben, als sie ihrer geliebten Heimat beraubt, nun an den Flüssen Babylons vor Heimweh und Sehnsucht schluchzten?! Vor kurzen stand noch ihr Heiligtum auf dem Tempelberg ihrer Hauptstadt. Die Israeliten hatten schon vielerlei Ungemach erduldet, nachdem sie der ägyptischen Knechtschaft entronnen und nach vierzigjähriger Wanderschaft in des Gelobte Land eingezogen waren. Immer wieder versündigten sie sich danach von neuem gegen ihren Gott. Der sandte Belagerer, Eroberer und Unterdrücker. Immer wieder fanden sich dann heilige Männer und Frauen - Richter, Propheten, Könige - die das Volk zur Umkehr bewegten, so dass Gott sie von der Drangsal erlöste. Dieses Bewusstsein hatte sich wohl im Hinterkopf festgesetzt, als die Babylonier Jerusalem belagerten. "Gott wird auch diesmal das Unheil abwenden", dachten sie. Hätten sie doch auf ihre Propheten, allen voran Jeremias, gehört! - Und nun ist Jerusalem zerstört, der Tempel Gottes dem Erdboden gleichgemacht und das Volk in die Gefangenschaft geführt...  

Wenn man vor dem Scherbenhaufen seiner früheren Existenz sitzt, weiß man das vorher Dagewesene erst zu schätzen.

Unser verlorener Sohn findet sich auch im fremden Land wieder. Er ist jedoch nicht durch fremde Soldaten dorthin geführt worden, sondern durch seinen eigenen Hochmut. Diese Umklammerung in den Fängen der Sünde ist schlimmer als jede andere Gewaltherrschaft. Er wollte ungezwungen und zügellos leben, sich von niemandem etwas vorschreiben lassen und auf alles pfeifen, was ihm sein Vater an guten und nützlichen Dingen beigebracht hatte. Wie die Volksmassen unserer Zeit, die historische Bindungen, jahrhundertealte Traditionen über Bord schmeißen, um endlich "frei zu sein". Junge Menschen heute in Osteuropa, junge Menschen vor fünfzig Jahren in Westeuropa, junge Menschen vor fünfhundert Jahren in Mitteleuropa. Ihr Unmut ist ja berechtigt - Korruption und Selbstbereicherung, Nazivergangenheit und Unterstützung des Vietnamkrieges, Ablasshandel und Sittenverfall - das sind und waren die Gründe für ihr Aufbegehren. Aber rechtfertigen Arroganz und Amtsmissbrauch der Mächtigen, dass man das Kind mit dem Badewasser ausschüttet?!.. Besser noch einmal nachdenken... mit jemandem sprechen, der Erfahrung mit dem Aufruhr der Jugend hat. Väter und Großväter sind ja nicht von Natur aus klüger als ihre Kinder und Enkelkinder, nur blicken sie auf eine längere Lebenszeit zurück und haben sich wahrscheinlich selbst vor Jahren oder Jahrzehnten in einer ähnlichen Situation befunden. Sie hätten sich (im Nachhinein) wohl gewünscht, es hätte ihnen damals jemand ins Gewissen geredet. Jedenfalls kennen sie die Situation der jungen Generation aus Erfahrung, weil sie das alles selbst schon einmal durchgemacht haben. Was wäre ich froh, eingedenk der mir nunmehr (mit 50+) bewussten Verantwortung für alle von mir getroffenen Entscheidungen, jemanden zu haben, der zuvor mal in der gleichen Lage gewesen ist wie ich heute! Zuhören, nachdenken kostet ja nichts. - Und trotzdem wissen es die Jungen besser. Si jeunesse savait, si viellesse pouvait!..

Sturm und Drang gehören zur Natur des Menschen - Goethe, Schiller, Puschkin, Dostojewski, Lermontov. Wem beschieden war, ein hohes Alter zu erreichen, der konnte seine damalige Sichtweise noch relativieren. Manchem heutigen Aufrührer ist deshalb nur zu  wünschen, dass er hundert Jahre alt wird, damit er erkennt, was für ein Hornochse er in den vermeintlich besten Jahren gewesen ist.

Warum musste ich schon wieder auf politische Vergleiche zurückgreifen? - Weil jede politische Revolte immer ein Auflehnen gegen die von Gott eingesetzte Ordnung ist (s. Röm. 13:1; Tit. 3:1). So waren Christen oftmals ihren Unterdrückern gegnüber loyal. Doch andererseits klingen die letzten Zeilen des angeführten Psalms nicht gerade so, als ob sie zur Versöhnung mit den Unterdrückern aufriefen... Wie sollen wir uns denn als Christen gegenüber Tyrannen verhalten? Wo ist die Grenze zwischen von Gott gewollter Loyalität und  liebdienerischer Unterwürfigkeit? Bis wann habe ich stillzuhalten und ab wann muss ich mich erheben? - Dafür gibt es hier von mir keine Empfehlung. Jeder ist frei, diese Entscheidung selbst im Einklang mit seinem Gewissen zu treffen. Trotzdem inspiriert mich hierbei eine Begebenheit, die sich vor knapp dreihundert Jahren in Siebenbürgen ereignete. Kaiserin Maria Theresia machte sich auf den Weg dorthin, um sich zu vergewissern, dass die Bekehrung der rumänischen Landbevölkerung zum katholischen Glauben wunschgemäß voranschreitet. Sie ließ einen zufällig vorbeigekommenen Bauern zu sich rufen und fragte ihn, ob er denn schon dem orthodoxen Glauben abgeschworen hätte. Dieser erwies der Kaiserin die ihr gebührende Ehre und sprach: "Wenn meine Kaiserin mir mein Land und meinen Hof nehmen will, gebe ich ihr alles, was ich besitze. Und wenn meine Kaiserin von mir meine Söhne für den Krieg fordert, auch die gebe ich ihr - aber meine Seele werde ich ihr niemals geben!". Amen.

Jahr:
2018