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Predigt zum Fest des Schutzes unserer Allerheiligsten Gebieterin, der Gottesgebärerin und Immerjungfrau Maria (Hebr. 9: 1-7; Lk. 10: 38-42; 11: 27-28) (14.10.2016)

Liebe Brüder und Schwestern,

 

„Das Fest des Hl. Schutzes der Gottesmutter beruht auf einer Vision, die unser hl. Vater Andreas, Narr um Christi willen (28.5.), während einer Agrypnie in der Blachernen-Kirche in Konstantinopel hatte. Um die 4. Nachtstunde erhob der ins Gebet vertiefte Heilige die Augen seines Herzens zum Himmel und sah die Allerheiligste Gottesmutter am Eingang zum Narthex erscheinen, vom Lichtschein umgeben und begleitet vom hl. Johannes dem Vorläufer und vom hl. Johannes dem Theologen. Sie schritt bis in die Mitte der Kirche, wo der Ambon war, und betete dort lange für die Rettung aller Menschen. Dann trat sie in den Altarraum und öffnete den hl. Schrein (sorós), in welchem ihr Gewand aufbewahrt wurde. Sie entnahm ihm ihren Schleier und breitete ihn, vor der Hl. Pforte stehend, über die Gläubigen aus. Der Schleier war so groß, dass er die ganze Versammlung zu überdecken schien, und blieb in der Luft ausgebreitet, gehalten von einer geheimnisvollen Kraft. Dann erhob sich die Gottesmutter inmitten eines hellen Lichts zum Himmel und verschwand, dem Christenvolk ihren heiligen Schleier zurücklassend als Bürgschaft ihres wohlwollenden Schutzes. Der hl. Andreas, erschrocken und voller Dankbarkeit zugleich, versicherte sich der Echtheit seiner Vision bei seinem Jünger Epiphanios, der bei ihm war und ebenfalls gewürdigt worden war, das Wunder zu schauen, während die übrigen Gläubigen die Agrypnie weiterverfolgten, ohne die göttliche Offenbarung wahrgenommen zu haben“ („Das Synaxarion“. Kloster des Hl. Johannes des Vorläufers Chania, Kreta, 2005).

Dieses Ereignis reiht sich nahtlos ein in eine endlose Kette von wunderbaren Erscheinungen der Gottesmutter, Die belagerten christlichen Städten und Klöstern Ihren himmlischen Schutz gewährte, indem Sie die Widersacher allein durch Ihre Erscheinung die Flucht ergreifen ließ. Für uns aber ist heute anlässlich dieses wunderbaren Geschehnisses ein Aspekt von herausragender Bedeutung: die Menschen beteten inständig die ganze Nacht (Agrypnie = Всенощное бдение, Vigil, Nachtwache). Was den Gläubigen in der Kirche verborgen blieb, sahen die hll. Andreas und Epiphanios: die Muttergottes breitete Ihren Schutz über dem Christenvolk aus. Das wiederum bestärkt uns in dem Glauben, dass wir nicht nur während jeder Göttlichen Liturgie wahrhaft „die Cherubim im Mysterium darstellen“, sondern sogar im häuslichen Gebet unserem Herrn Jesus Christus, Seiner Allerreinsten Mutter, den Heiligen und den Engeln jederzeit so nahe sind, als stünden sie direkt vor uns! Der hl. Seraphim von Sarov bereitete seine geistlichen Kinder auf die Zeit nach seinem Hinscheiden vor, indem er ihnen auftrug, jederzeit an sein Grab zu kommen und so mit ihm zu sprechen, wie sie es zu seinen Lebzeiten getan hatten. Gebete werden immer gehört, wenn sie im lebendigen Glauben vorgetragen werden. 

In meiner Jugend besuchte ich die evangelische Jungschar in meinem damaligen Wohnort. Dort sangen wir u.a. oftmals das Lied „Lass mich an Dich glauben, wie Abraham / Moses/ Daniel / Stephanus es tat...“. Die drei ersten Heiligen des Alten Bundes wurden bekanntlich aus ihrer Not errettet: Abraham brachte Gott seinen geliebten Sohn zum Opfer, der aber in letzter Sekunde verschont wurde; Moses, bedrängt von den Reitern des Pharao, führte das Volk trockenen Fußes durch das Meer; Daniel wurde in die Löwengrube geworfen, wobei die hungrigen Tiere zahm wie Lämmer waren; bei Stephanus hieß es im Vers (hier erinnere ich mich an den genauen Wortlaut) jedoch: „Sie steinigten zu Tode ihn, er betete zu Gott, und Der erhörte ihn. Lass mich an Dich glauben...“. Als zehnjähriger Junge verstand ich nicht, wie Gott den Stephanus erhörte, ohne ihm ein „Happy-end“ zu schenken. Wenn ich heute die Apostelgeschichte lese, sehe ich, worum es ging: „So steinigten sie Stephanus; er aber betete und rief: ´Herr, Jesus, nimm meinen Geist auf!` Dann sank er in die Knie und schrie laut: ´Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!` Nach diesen Worten starb er“ (Apg. 7: 59-60; vgl. Lk. 23: 34). Sein Gebet wurde im doppelten Sinne erhört: der Herr nahm seinen Geist auf (s. Apg. 7: 55-56) und vernahm wohlwollend das Gebet für die Mörder, unter deren Komplizen einer war, der später zum auserwählten Werkzeug der Gnade Gottes werden sollte (s. Apg. 7: 58,  8: 1a;  9: 15). Dieses Gebet des für Christus Sterbenden und für seine Mörder Betenden war so stark, dass auch der Erzdiakon einer himmlischen Vision gewürdigt wurde. Welch ein Triumph der Liebe zu Gott und zu den Menschen, den wir beim Protomärtyrer sehen –  ein Triumph, der sich seither bis in die heutige Zeit in abertausenden von christlichen Glaubenszeugen wiederholt.

 

Auch unser Gebet kann stark sein, wenn wir uns dessen bewusst sind, dass wir zu Hause vor den Ikonen oder beim Gottesdienst in der Kirche (oder auch unterwegs) vor Gottes Angesicht stehen! Leider werden oft endlose Gebetsregeln mit Gebetskränzen und Verbeugungen vorgetragen, lange Gottesdienste „ausgestanden“, bei denen Herz und Verstand nicht anwesend sind. Das ist aber alles für die Katz. Reinigen wir also unsere Herzen von aller Befleckung durch die Gnade des Heiligen Geistes (s. Gebet „Himmlischer König“ zu Anfang jeder Gebetsregel) und legen wir unser Schicksal und das unserer Mitmenschen, für die wir beten, in Gottes Hand. Wir haben alles, was wir brauchen in unseren Gebetsbüchern. Nur lasst uns diese häuslichen und kirchlichen Gebete „von ganzer Seele und mit ganzem Verstand“ (s. Bitt-Litanei) Gott als lebendige Gabe unseres Herzens darbringen (s. Ps. 50: 18-19). Ist diese Bedingung erfüllt, dann kann es eigentlich nicht sein, dass unser Gebet nicht wohlwollend vor Gottes himmlischen Thron aufgenommen wird. Amen.

Jahr:
2016
Orignalsprache:
Deutsch