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Predigt zum 2. Herrentag nach Ostern / Thomas-Sonntag / Antipascha (Apg. 5: 12-20; Joh. 22: 19-31) (08.05.2016)

Liebe Brüder und Schwestern, 

 

heute wollen wir uns gemeinsam mit dem Zweifel im Glauben auseinandersetzen, da dieser zum oftmals angedichteten Wesensmerkmal des Apostels Thomas geworden ist (in manchen Wertesystemen, vor allem in totalitären Sekten und  extremistischen Ideologien, gilt der Zweifelnde schon als unzuverlässiges Element, das dem Idealbild der Gesellschaft nicht entspricht und folglich im Extremfall sogar zum Selbstmord getrieben oder liquidiert werden muss). Was manche jedoch im Zuge der Diskussion leicht übersehen ist die Tatsache, dass die Kirche in ihrem liturgischen Schaffen den personifizierten Zweifel des Apostel Thomas expressis verbis lobt – und das, obwohl er die mehrfachen Ankündigungen des Herrn vom Tod und der Auferstehung gehört und nun die einhelligen Bekundungen seiner besten Freunde von der wahrhaften leiblichen Auferstehung Christi vernommen hat. Trotzdem kann er noch nicht glauben (s. Joh. 20: 25). Was also ist daran so lobenswert?

Mir scheint, dass Zweifel bzw. die Fähigkeit zu Zweifeln zur Natur des Menschen gehört. Kritisch nachfragen kann keine Sünde sein. Es ist, im Grunde genommen, für eine verantwortungsbewusste Entscheidung sogar unablässig. So auch bei der wichtigsten Entscheidung im Leben – der Glaubensfrage. Jeder Mensch wird irgendwann im Leben mit dem Zweifel an der Existenz Gottes oder der unverfälschten Reinheit der kirchlichen Lehre konfrontiert. So traf zu Beginn der 1930-er Jahre der siebenjährige Arsenios, der oft allein in den Wald ging, um dort ungestört mit Gott zu sein, auf einen atheistischen Studenten, der durch seine Wortklauberei das Herz des Jungen verwirrte. Doch Arsenios überwand den Aufruhr der Seele und wurde zu einem der größten Heiligen des vorigen Jahrhunderts – Geronta Paisios. Sein Glaube wurde danach noch stärker.

Wohlgemerkt, wir haben es in unserer menschlichen Realität mit zweierlei Zweifel zu tun, die ich als a) konstruktiven bzw. b) destruktiven Zweifel bezeichnen würde. Die erste Variante hat den Glauben an den Auferstandenen bereits im Herzen (s. Röm. 10: 9-10). Ihre Unvollkommenheit besteht nur darin, dass sie noch einen rationalen oder empirischen Beweis braucht, um zweifelsfrei glauben zu können, aber die Bereitschaft zu einem Gott gefälligen Leben bis hin zur Opferbereitschaft ist hier bereits prinzipiell vorhanden. Denn darauf kommt es ja letztlich an: der Glaube für sich allein ist ja noch nicht viel wert, wenn er keinerlei Auswirkungen auf den Lebenswandel des Menschen hat (s. Jak. 2: 24). Wir haben hier bereits die Vorstufe zum vollkommenen Glauben, der seinerseits keinerlei labortechnischer Beweismittel für ein Leben in der Zuversicht auf Gottes Vorsehung bedarf (s. 1. Petr. 1: 6-9). Der Betreffende ist also bereit zu glauben, sehnt sich aber nur nach einer letzten Gewissheit. Ist der Zweifel aber überwunden, wächst der Glaube – und wird zur Gewissheit (s. Hebr. 11: 1).

Die andere Variante kennen wir zur Genüge: „Ich bin ziemlich sicher, dass es da (Zeigefinger zeigt nach oben) etwas gibt“... Aber was ist so eine Haltung wert? Im realen Leben zeigt sich die Alltagstauglichkeit so eines „Glaubens“. Wenn solche Leute nur von der 10%-gen Wahrscheinlichkeit eines Unwetters hören, werden sie vorsorglich ihre Türen und Fensterläden mit Brettern zunageln und ihr sonstiges Hab und Gut in Sicherheit bringen; wenn sie nur das Gerücht eines Börsencrashs oder einer vor dem Platzen stehenden Finanzblase vernehmen, werden sie in Panik verfallen und alles Erdenkliche unternehmen, um ihre Aktienpakete vor einem Werteverfall zu schützen; wenn sie von der vagen Vermutung der Ausbreitung einer durch Heimkehrer oder Einwanderer eingeführten exotischen Krankheit in unseren Breitengraden erfahren, rennen sie sofort zur nächsten Apotheke und decken sich mit Impfseren ein, tragen einen Mundschutz auf dem Weg zur Arbeit usw.; doch die Frage, ob es einen Gott gibt oder nicht, wollen sie liebend gerne dahingestellt sein lassen. Im Grunde spielt es ja keine Rolle für sie: wenn es Ihn tatsächlich gibt, dann sind wir alle, die wir ja keine Mörder und Bankräuber sind, ohnehin auf der sicheren Seite. Falls es Ihn aber nicht gibt, wollen wir wenigstens in diesem Leben gut gelebt haben... Es ist die Attitüde der faktischen Gleichgültigkeit gegenüber Gott: „Für mein Leben in dieser Welt brauche ich Ihn nicht, solange die Geschäfte gut laufen, die Familie intakt ist und die Gesundheit auf Jahrzehnte im Voraus garantiert zu sein scheint. Wenn aber doch etwas aus dem Gleichgewicht gerät, kann ich immer noch über Gott nachdenken. Für alle Fälle lasse ich diese Option offen, denn man kann ja nie wissen“... Das ist ist wahrlich ein destruktiver Zweifel, der keinerlei aufrichtige Hinwendung zu Gott bewirken kann. Um solche Leute an Sich zu binden, kann Gott gar nicht umhin, sie leidvoll zu prüfen. Deshalb auch das viele Elend in der Welt, das keineswegs wegen der Ungläubigen, sondern um der Errettung der Lauwarmen willen geschieht (s. Offb. 4: 15-22).

 

Gezweifelt haben aber sogar die Apostel (s. Mt. 28: 17). Der erste von ihnen ging ein paar Schritte auf dem Wasser, doch als ihn der Zweifel übermannte, fing er an unterzugehen (s. Mt. 14: 30). Der Herr tadelte ihn zwar dafür, aber Er ließ ihn nicht untergehen... Wir sind auch nicht anders: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ (Mk. 9: 24). Dabei hätten wir das gar nicht nötig, denn wir sind mit den Augen unserer Herzen schon Zeugen der Auferstehung Christi geworden – oder etwa nicht?! „Die Auferstehung Christi haben wir geschaut...“  - wer sich mit allen versöhnt, in der Fastenzeit seine Sünden bereut und sie aufrichtig gebeichtet hat, wer am Großen Donnerstag am Mystischen Abendmahl teilgenommen hat und am Großen Freitag vor dem Grabtuch des Herrn weinend niedergefallen ist, der braucht doch am Ostersonntag keine forensisch gesicherten Beweise für die Auferstehung des Herrn. Amen.

Jahr:
2016
Orignalsprache:
Deutsch