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Predigt zum Herrntag des Zöllners und des Pharisäers (2 Tim. 3: 10-15; Lk. 18: 10-14) (24.02.2013)

Liebe Brüder und Schwestern,

mit dem heutigen Sonntag beginnt die „heiße Phase“ der Vorbereitung zur Großen Fastenzeit. Schon am vorherigen Sonntag hörten wir, wie jedes Jahr, von Zachäus (s. Lk. 19: 1-10), der in seiner „unorthodoxen“, aber dafür umso direkteren Art dem Herrn näher sein will und dafür von Ihm über alle anderen erhoben wird. Dieses „Zugehen“ Gottes auf den Sünder schon auf dessen erste, zaghafte Regung hin bewirkt und befördert die bußfertige Umkehr des Sünders. Das ist das, wessen wir uns besonders in diesen nun vor uns liegenden Wochen bewusst werden sollen: Gott sehnt Sich nach der Umkehr des sündigen Menschen! Das größte Hindernis für den sich Bekehrenden stellen dabei jedoch nicht selten Menschen dar, die von sich selbst glauben, gerecht zu sein: die Leute von Jericho vs. Zachäus, der Pharisäer vs. den Zöllner, der ältere Sohn vs. den jüngeren („verlorenen“) Sohn. Erstere meinen immer, Richter der Letzteren sein zu können. Und das ist gegen Christus, das ist gegen die Kirche, die zwar ihr inneres Leben durch die Kanones regelt, der jedoch überhaupt keine judikative Funktion außerhalb ihres Zuständigkeitsbereiches zukommt. Wahr ist zwar, dass die Kirche (aus gutem Grund) relativ hohe moralische Standards für ihre eigenen „integrierten“ Mitglieder hat und die Einhaltung selbiger nach Maßgabe der individuellen Möglichkeiten erwartet, gleichzeitig aber die Messlatte für die, welche (noch) nicht zum Leib Christi gehören, bei weitem nicht so hoch auflegt. Wir sind doch der Leib Christi; wir sollen doch Sein Werk fortführen. Christus ist ja bekanntlich „nicht gekommen, die Welt zu richten, sondern um sie zu retten“ (Joh. 12: 47). Deshalb respektieren wir jeden, der anders sein will und freiwillig nicht dazugehören möchte. Wir können ihm lediglich zusammen mit dem Apostel Philippus sagen: „Komm und sieh!“ (Joh. 1: 46). Und ihm die Tür offenhalten.

Mit der Woche des Zöllners und Pharisäers wird in der Kirche, liturgisch betrachtet, bereits auf „Fastenbetrieb“ umgestellt: den Schwerpunkt im täglichen Gottesdienst bildet von nun an das Fastentriodion, das den liturgischen Ablauf bis einschließlich der Passionswoche prägen wird. Ziel ist es dabei, die Bußbereitschaft der im Gottesdienst anwesenden Sünder zu wecken. Ausgangspunkt hierfür ist die heutige Evangeliumslesung von den zwei Männern, die zum Gebet in den Tempel gehen: der Pharisäer – ein geachteter, frommer und (selbst-)gerechter Mann, geht geradewegs auf den vordersten Platz zu und betet wie folgt: „Gott, ich danke Dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort. Ich faste zweimal in der Woche und gebe dem Tempel den zehnten Teil meines ganzen Einkommens“ (18: 11-12). Der Zöllner aber, ein augenscheinlich sündiger und von allen verachteter Mann, „blieb ganz hinten stehen und wagte nicht einmal, seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig!“ (18: 13).

Als „Zielgruppe“ gemeint sind damit also an erster Stelle wir, die gläubigen orthodoxen Christen, - und nicht die Außenstehenden, - auf dass wir erkennen mögen, dass wir in der Tat diejenigen sind, die der Hilfe des Arztes mehr als andere, vermeintlich sündigere Menschen, bedürfen (s. Mt. 9: 12). Andernfalls wären wir ja wie der Pharisäer: „Ich danke Dir, lieber Gott, dass ich nicht so bin wie die indifferenten Christen, die vom liberalen Gedankengut infizierten innerkirchlichen Modernisierer, die Schismatiker, Sektierer, Salafisten, Atheisten, Satanisten oder wie dieses Flittchen da, das es gewagt hat, in Jeans und ohne Kopftuch in die Kirche zu kommen“.

Deshalb lohnt es sich ganz besonders, auf die vorangehenden Worte zu unserer heutigen Lesung zu achten: „Einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten, erzählte Jesus dieses Beispiel:“ (Lk. 18: 9). (sic!)

Bezogen auf unsere heutige Zeit müssen wir uns jedes Jahr (besser aber jeden Tag!) fragen: Wer ist heute der „Pharisäer“, und wer ist heute der „Zöllner“? - Hierzu nun einige Gedanken.

Wir neigen oft dazu, das Böse nur außerhalb unserer Gemeinschaft, außerhalb der Grenzen der Kirche und außerhalb von uns selbst zu sehen. Das ist dann der beste Nährboden für diverse Verschwörungstheorien, unmittelbar bevorstehende Weltuntergangsszenarien und andere Hirnkrankheiten. Wer demgegenüber regelmäßig im Neuen Testament liest, anstatt in unzensierter pseudo-orthodoxer Gruselliteratur zu schmökern, wird auch zur Zeit schwerster Prüfung, selbst wenn er tatsächlich von zig-tausend Feinden umringt ist, immer nur positiv gestimmt sein und dem Geiste Christi entsprechend leben und handeln. So ein Mensch braucht auch keine Feindbilder, um glücklich sein zu können.

Das Problem der Pharisäer zu Zeiten Jesu war ja nicht, dass sie von Grund auf schlecht oder falsch waren. Josef aus Arimathäa und Nikodemus waren Ratsherren von der Fraktion der Pharisäer, ebenso Paulus (s. Apg. 26: 5) und sein Lehrer Gamaliel (s. Apg. 22: 3). So sagt Paulus über Saulus: „Ich wurde am achten Tag beschnitten, bin aus dem Volk Israel, vom Stamm Benjamin, ein Hebräer von Hebräern, lebte als Pharisäer nach dem Gesetz, verfolgte voll Eifer die Kirche und war untadelig in der Gerechtigkeit, wie sie das Gesetz vorschreibt“ (Phil. 3: 5-6). Ihr Eifer also machte die Pharisäer zur Kaste, blind im Hinblick auf ihresgleichen.

Und jetzt sei die Frage erlaubt: wie viele „Untadelige in der Gerechtigkeit“ gibt es unter uns orthodoxen Christen (die Gilde, zu der ich gehöre, möchte ich da bewusst nicht ausschließen), die wir nicht sehen wollen, dass wir „voll Eifer“ letztendlich die Kirche - also Christus Selbst (s. Apg. 9: 4-5), verfolgen, obwohl wir doch nur so handeln, „wie es das Gesetz vorschreibt“?!

Lassen wir uns nicht täuschen: würden wir wirklich nach den Geboten Gottes leben und handeln, dann würden wir wie Saulus nach seiner Bekehrung sein, der da in der heutigen Lesung seinem Schüler Timotheus aus eigener Erfahrung schreibt: „So werden alle, die in der Gemeinschaft mit Christus Jesus ein frommes Leben führen wollen, verfolgt werden“ (2 Tim. 3: 12).

Wir müssten demnach die sein, die verfolgt werden, und nicht die, die andere verfolgen. Also wollen wir uns besagte Erfahrung des Apostels solcherart zueigen machen: „Ahmt auch ihr mir nach, Brüder, und achtet auf jene, die nach dem Vorbild leben, das ihr an uns habt“ (Phil. 3: 17) und: „In Christus Jesus bin ich durch das Evangelium euer Vater geworden. Darum ermahne ich euch: Haltet euch an mein Vorbild!“ (1 Kor. 4: 15-16).

Nun aber zurück zu unserer Frage, auf wen sich das Gleichnis vom Zöllner und vom Pharisäer heute bezieht. Vor zweitausend Jahren kam der Gott der Liebe in Menschengestalt auf die Erde, um Sünder zu erretten. Davon kündet doch die Frohe Botschaft, dass es da überhaupt keine Berührungsängste gab – Verbote hin, Vorschriften her – der Herr war bereit, in das Haus eines Römers zu gehen, um dessen Diener zu heilen (s. Mt. 8: 7), Er kehrte bei Zöllnern ein (s. Lk. 19: 5-7), aß mit Sündern (s. Mt. 9: 10), sprach lange mit einer samaritischen Frau (s. Joh. 4: 9, 27), erhörte das Flehen einer Kanaanäerin (s. Mt. 15: 21-28), ließ Sich von einer sündigen Frau die Füße waschen und salben (s. Lk. 7: 36-50), entließ die Ehebrecherin ungestraft in Frieden (s. Joh. 8: 3-11), öffnete dem Räuber als erstem das Paradies (s. Lk. 23: 43) u.v.m. „Tabus“ gab es für den Herrn hingegen gegenüber den Schriftgelehrten und Pharisäern, übrigens auch gegenüber den Mächtigen dieser Welt (s. Lk. 23: 6-12). Da gab es keine gemeinsame Basis. Ja, diese Gesetzeslehrer waren fromme Männer, befolgten die Vorschriften des Gesetzes, aber schon Jahrhunderte zuvor sprach der Herr zu ihnen: „Soll Ich denn das Fleisch von Stieren essen und das Blut von Böcken trinken?“ (Ps. 49: 13); „Was soll Ich mit euren vielen Schlachtopfern?“ (Jes. 1: 11); „Was soll Mir der Weihrauch aus Saba und das gute Gewürzrohr aus fernem Land? Eure Brandopfer gefallen Mir nicht, eure Schlachtopfer sind Mir nicht angenehm“ (Jer. 6: 20). Daraus dürfte mehr als deutlich sein, dass äußere, vor allem aber nur zur Schau getragene Frömmigkeit (s. Mt. 23: 28) ein „Greuel vor den Augen Gottes“ ist (s. Ez. 16: 50).
Heißt das nun, dass die eine Rechtfertigung haben, die behaupten: „Ich brauche keine Kirche, da gehen doch alles nur Heuchler hin. Ich kann ebensogut im Herzen an Gott glauben und brauche keinen, der mir beim Beten zuschaut“, oder: „Ach, diese Popen sind doch die schlimmsten Scheinheiligen. Zu denen gehe ich nicht in die Kirche“? Und bedeutet das, dass wir all das, was wir an äußerer asketischer Praxis gewohnt sind, nicht mehr brauchen – Gebetsregeln, Fasten, Gottesdienste, Weihehandlungen etc.?... - Mitnichten! Denn der Zöllner wurde von unserem Herrn dafür gerechtfertigt, dass er, im Gegensatz zum Pharisäer, Demut und Reue gezeigt hat: „Ich sage euch: Dieser kehrte als Gerechter nach Hause zurück, der andere nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ (Lk. 18: 14). Die obengenannte Kategorie von Leuten, die auf alles und jeden in der Kirche schimpfen, nur um eine Rechtfertigung für unterlassene Bekehrung ihrerseits zu haben, sind wie der gekreuzigte Räuber zur Linken des Herrn, der in allen anderen die Schuld für sein Fehlverhalten sah – letztendlich sogar in der alles vergebenden Liebe Christi (s. Lk. 23: 39).
Wenn also das Beten und Fasten (s. Mk. 9: 29) auch in uns Reue und Demut bewirken, dann sind sie für uns richtig und notwendig. Wenn wir uns allerdings etwas darauf einbilden, dass wir z.B. regelmäßig fasten (s. Lk. 18: 12), sollten wir lieber zunächst versuchen, normale Menschen zu werden – und erst dann gute Christen. Um der durchaus realen Gefahr vorzubeugen, mit dieser Reihenfolge nicht klarzukommen, bietet uns die Kirche in der nun beginnenden Woche kurz vor der Großen Fastenzeit ganz bewusst den „Fastenverzicht“ am Mittwoch und Freitag an. Eine Anti-Pharisäer-Pille, sozusagen.

Dann kann die Fastenzeit langsam kommen. Gott erwartet durchaus etwas von uns: „Bring Gott als Opfer dein Lob, und erfülle dem Höchstern deine Gelübde“ (Ps. 49: 14), „Das Opfer, das Gott gefällt, ist ein zerknirschter Geist, ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst Du, nicht verschmähen“ (Ps. 50: 19). Wenn wir also heute täglich mit dem Propheten David sprechen:„Schlachtopfer willst Du nicht, ich würde sie Dir geben; an Brandopfern hast Du kein gefallen“ (Ps. 50: 18), dann bedeutet das, auf unser Hier und Heute bezogen, dass nicht die Zahl der Gebete, die Länge der Gottesdienste oder die Exklusivität des Fastenplans uns Gott näher bringen, sondern die Liebe zu unserem Schöpfer und zu allen Mitgeschöpfen. Oben erwähnte äußere Formen der Frömmigkeit sind dabei Mittel zum Zweck. Das Ziel aber ist, dies sei wiederholt, das Wachsen in der Liebe. Die größte Liebe, die wir unseren Mitmenschen erweisen können ist aber die, dass wir sie durch unser persönliches Beispiel auf den Weg des Glaubens bringen bzw. auf diesem Weg bekräftigen – oder ihnen diesen zumindest nicht versperren (s. Lk. 11: 52). Bestes Beispiel ist wieder einmal der Apostel Paulus, der mit reinem Gewissen seinem Schüler ins Stammbuch schreibt: „Du aber bleibe bei dem, was du gelernt hast und wovon du dich überzeugt hast. Du weißt, von wem du es gelernt hast“ (2 Tim. 3: 14). Er hat auch allen Grund dazu, Timotheus dies zuzutrauen: „Du aber bist mir gefolgt in der Lehre, im Leben und im Streben, im Glauben, in der Langmut, der Liebe und der Ausdauer, in den Verfolgungen und Leiden, denen ich in Antiochia, Ikonion und Lystra ausgesetzt war. Welche Verfolgungen habe ich erduldet! Und aus allen hat mich der Herr errettet.“ (2 Tim. 3: 10-11). Die Verfolgung für den Glauben (aus passiver Sicht, versteht sich!) ist doch das, was uns zu Jüngern Christi macht: „Freut euch, dass ihr Anteil an den Leiden Christi habt; denn so könnt ihr auch bei der Offenbarung Seiner Herrlichkeit voll Freude jubeln. Wenn ihr wegen des Namens Christi beschimpft werdet, seid ihr seligzupreisen; denn der Geist der Herrlichkeit, der Geist Gottes, ruht auf euch“ (1 Petr. 4: 13-14).

Fassen wir jetzt das Gesagte zusammen. Was lehrt uns das alles?

Gott schaut auf die Herzen der Menschen. Egal wer du bist, - ein Krimineller, eine Prostituierte, ein politischer Extremist; vielleicht bist du Angehöriger eines totalitären Kultes oder gehörst zu einer sexuellen Minderheit – für dich ist ein Platz in der Kirche reserviert. Und wir alle werden uns mit unserem Himmlischen Vater darüber freuen, dass du da bist (s. Mt. 18: 12-14 und Lk. 15: 4-7). Das ist der Anspruch, an dem du uns jederzeit messen darfst. Niemand wird von dir große Taten erwarten, z.B. dass du gleich alles auf Anhieb begreifst und lange Gebete auswendig lernst. Erwarte du im Gegenzug bitte auch keine Wunderdinge von uns. Komm und sieh! Deine „Eintrittskarte“ besteht aus nur fünf Worten (s. 1 Kor. 15: 19), die, wenn sie gläubig und aus der Tiefe des Herzens gesprochen werden, dich sofort zu einem von uns machen: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“

Amen.

Orignalsprache:
Deutsch