Predigt zum 24. Herrentag nach Pfingsten (Eph. 2:14-22; Lk. 8:41-56) (22.11.2020)

Liebe Brüder und Schwestern, wir befassen uns heute mit zwei kurz aufeinander folgenden Wundern: der verheimlichten Heilung der an Blutfluss leidenden Frau, die der Herr öffentlich macht (s. Lk. 8:45-47), und der offensichtlichen Erweckung der Tochter des Synagogenvorstehers, die der Herr zu verbergen versucht (s. 8:52,56). Versetzen wir uns in die Situation der Beteiligten: Zunächst ist da Jairus, dessen einziges Kind im Sterben liegt. Er hörte von den zahlreichen Wundern des Herrn, also würde Er auch seine Tochter heilen können, solange sie noch nicht gestorben ist. Ihn pressiert es folglich, denn er weiß, dass der Herr Sich erst noch den Weg durch die Menschenmenge bahnen muss. Jede Sekunde zählt ... Und dann die seit zwölf Jahren leidende Frau, die von niemandem Hilfe erhalten konnte. Auch für sie ist Jesus Christus die letzte Hoffnung. Ihr Problem: nach dem Gesetz dürfte sie sich gar nicht den Menschen nähern (s. Lev. 15:25-27). Aber was soll sie denn tun bei dem Gedränge, das immer da entsteht, wo Christus erscheint (s. Lk. 8:42,45)?!.. Sie entschließt sich, heimlich den Saum Seines Gewandes zu berühren – und wird gesund. Doch sie vermag sich nicht im Schutze der Anonymität zu verbergen, denn der Allwissende fragt, wer Ihn berührt hat. Zitternd fällt sie vor Ihm nieder und „gesteht“ alles. Sie offenbart vor allen Leuten die göttliche Kraft, die aus Christus ausströmte und ihr die Gesundheit brachte (s. 8:46). Sie, die das Gesetz gebrochen hat, hört diese Worte: „Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden!“ (8:48). Es ist ein praxisnaher Beleg dafür, dass Gott nun „im Geist und in der Wahrheit“ angebetet werden soll (Joh. 4:23-24). „Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden“ (2 Kor. 5:17). Das soeben Beschriebene ist ein Spiegelbild der neutestamentlichen Ära: die Massen umringen Christus aus purer Schaulust und Sensationsgier, hindern Ihn aber mehr, als dass sie Ihm helfen würden. Nur ein Bruchteil – hier sinnbildlich dargestellt durch die Frau – nähert sich Ihm mit reinem Glauben. Wir sehen also: Glauben ist nicht gleich Glauben. Hatten die Menschenmassen in Kafarnaum oder anderswo etwa keinen Glauben? - Nach göttlichem Beistand Suchende frage ich manchmal, ob sie glaubten. Oft kommt die beinahe schon empörte Antwort: „Sonst wäre ich doch nicht gekommen!“ - Aber welche Art von Glauben meinen sie? Den rein äußerlich gezeigten Glauben der Massen, der nur auf Irdisches aus ist, oder den Glauben als innere und intensivste Hinwendung zu Christus, unserem Erlöser?.. Heutzutage sind viele der Ansicht, sie bräuchten keine „Mittler“ zwischen ihnen und Gott (vgl. dazu 1 Kor. 3:9; 2 Kor. 5:20) und keine Kirche (vgl. Kol. 1:18; 1 Tim. 3:15), da sie zu Hause beten könnten. Doch wenn es mal hart auf hart kommt, stehen sie plötzlich vor der Kirchentür und bitten den Priester um Beistand, weil ihr direkter Draht zu Gott nicht funktioniert. Dann haben sie im Gespräch wenigstens die Chance zu begreifen, was wirklicher Glauben bedeutet. Manche nehmen die ihnen gesandte Prüfung dann tatsächlich zum Anlass, sich näher mit dem Glauben auseinanderzusetzen und zeigen Buße (s. Mt. 3:8; Lk. 3:8). Für andere bleiben Harry Potter oder Lady Gaga wichtiger als Christus… Weiter im Text. Die Frau ist also geheilt und darf in Frieden gehen. Doch für die Tochter des Jairus, so scheint es, kommt nun jede Hilfe zu spät (s. Lk. 8:49). Solange sie noch atmete, bestand Hoffnung, doch mit der Todesnachricht bricht für den unglücklichen Vater eine Welt zusammen… Christus aber sagt: „Sei ohne Furcht; glaube nur, dann wird sie gerettet“ (8:50). Eben noch Hoffnungslosigkeit, und jetzt?!.. Jairus hat bis eben noch geglaubt, dass der Herr seine kranke Tochter heilen kann, jetzt aber wird von ihm der Glaube daran verlangt, dass Christus seine verstorbene Tochter auferwecken wird… Es ist sein Kind!.. Wie soll man da ohne Furcht sein?!.. – Gott will nicht, dass wir mit Bangen den bevorstehenden Heimsuchungen entgegensehen, dass wir verzagen, wenn uns wieder neue Prüfungen auferlegt werden. Er ist ja da! Er hört unser Flehen, wenn wir uns nur im Glauben an Ihn wenden. Er will aber vor allem, dass wir Ihm unsere Bitten aus Liebe zu Ihm vortragen, nicht aus Eigennutz und Berechnung! Wenn wir Gott über alles lieben, wird Er doch unsere Bitten erfüllen (s. Mt. 7:7-11; Lk. 11:9-13), denn „Furcht gibt es in der Liebe nicht, sondern die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht. Denn die Furcht rechnet mit Strafe, und wer sich fürchtet, dessen Liebe ist nicht vollendet“ (1 Joh. 4:18). Das Los der Heiligen besteht darin, immer neue Herausforderungen aus den Händen des Herrn entgegenzunehmen. Doch selbst in dieser irdischen Drangsal wird ihnen der Herr die Ruhe für ihre Seelen verschaffen, so dass sie jegliche Mühsal bewältigen werden (s. Mt. 11:28-30) und selbst der Tod für sie wie ein gewöhnlicher Schlaf erscheint (s. Lk. 8:52). Dass wir wegen des Glaubens auch Hohn und Spott ernten werden, nehmen wir dann bereitwillig in Kauf (s. 8:53). So wollen auch wir nicht die trügerische Ruhe dieser Welt anstreben (s. Lk. 12:19, vgl. Joh. 14:27), sondern die Ruhe Christi inmitten des Sturmes (s. Mt. 8:24; Mk. 4:38; Lk. 8:23). „Durch den Glauben wohne Christus in euren Herzen. In der Liebe verwurzelt und auf sie gegründet, sollt ihr zusammen mit allen Heiligen dazu fähig sein, die Länge und Breite, die Höhe und Tiefe zu ermessen, und die Liebe Christi zu verstehen, die alle Erkenntnis übersteigt. So werdet ihr mehr und mehr von der ganzen Fülle Gottes erfüllt. Er aber, Der durch die Macht, die in uns wirkt, unendlich mehr tun kann, als wir bitten oder uns ausdenken können, Er werde verherrlicht durch die Kirche und durch Christus Jesus in allen Generationen, für ewige Zeiten. Amen“ (Eph. 3:17-21).
Jahr:
2020
Orignalsprache:
Deutsch